20 06

Demokratie ist eine anstrengende Angelegenheit!

Normalerweise versuche ich ja immer meine freitägliche Kolumne auch wirklich am Freitag zu schreiben und dann auch zu veröffentlichen. Diese Woche geschah aber etwas, was in meinem Leben mit “Neu” und “Noch nie da gewesen” bezeichnet werden könnte. Ich war auf einer Demonstration. In München. Aber fangen wir vorne an!

Über das Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornographie in Kommunikationsnetzen, die potentiellen Folgen dieses Gesetzes welches man eigentlich nur mit “Zensur” und “Meinungsdiktatur” betiteln sollte, über Zensursula, die Piratenpartei, Tauss und die klägliche Rolle der Deutschen Politik (mit Ausnahmen), muss man wohl nicht mehr viel Worte verlieren.

Soviel wurde bereits über dieses Thema in Blogs, Foren und vor allem über twitter geschrieben, diskutiert und erläutert. Erst recht die Internetgemeinde, sofern es denn überhaupt “eine” gibt – es sind wahrscheinlich tausende – ist mehr als gut über dieses Thema informiert.

Um es auch hier mit einem Satz zu erwähnen: Ich bin natürlich nicht gegen Gesetze zum Schutze von Kindern und zur Vermeidung von Gewalttaten an Kindern, aber die gewählte Form der aktuellen Regierung zeigt einmal mehr, wie wenig Ahnung die Politik vom Medium Internet hat. Die beschlossenen Verfahren sind mehr als amateurhaft und nützen niemanden.

Nicht mal der Politik, weil eigentlich jeder den stümperhaften Versuch erkennen müsste, wie die Politik den Schein wahren will, etwas gegen Kinderpornographie zu tun. Scheinheiliges Handeln überforderter Politiker, die sich unter Druck gesetzt fühlen, etwas gegen diese Kriminalität zu tun.

Zumindest haben die Politiker etwas geschafft, was einem froh stimmen sollte. Eine bisher wohl eher unpolitische Jugend und Gesellschaftsschicht interessiert sich für politische Belange, durchstöbert Gesetzesvorhaben, beteiligt sich an Bundestagspetitionen und engagiert sich für seine Rechte.

So auch an diesem Samstag. “Löschen statt Sperren” – das Motto der Demonstrationen!

Es gab schon so viele Demonstrationen, an denen man hätte teilnehmen sollen. Aber meist kam etwas dazwischen. Das Wetter, der Sport, die Faulheit. Aber diesmal sollte es anders sein. Ich wollte mehr tun, als nur eine Meinung haben, ich wollte mit meiner Präsenz ein Zeichen setzen. Wenn auch ein Kleines. Aber wenn jeder nur ein kleines Zeichen setzt, ergibt dies ein nicht zu übersehendes Momentum!

So kam es, dass ich mit Susanne, Andrea und Peter um kurz nach 9 Uhr im Regionalexpress nach München saß. Noch leicht müde aber mit einer großen Motivation und Vorfreude und im Wissen, das Richtige zu tun!

Im gesamten Zug von Nürnberg nach München befanden sich bestimmt 40 weitere Teilnehmer der Demo in München. Tolles Bild am Nürnberger Bahnhof und im Zug. Überall entsprechende Shirts und Fahnen. Und – was mich ein wenig verwundert hat – man wird sogar in Zügen der Deutschen Bahn angesprochen, was man denn in München vor hat. Und dann entwickeln sich interessante Gespräche und man klärt sogar den ein oder anderen Zugfahrer auf, dass man nicht alles glauben darf, was einem die BILD Zeitung und andere Medienvertreter erzählen.

In München angekommen sitzen die Haare und die Uhr zeigt halb Zwölf. Die Sonne scheint. Noch!

Man ging zu Fuß zum Startpunkt der Demo und es wurden minütlich mehr. Zwischendurch dachte man zwar, dass man fast alleine durch München demonstrieren wird, aber am Ende waren es bestimmt 500 Menschen.

Von den Rednern sollte man den Politiker Jerzy Montag und den ehemaligen Schauspieler aus der ARD Vorabendserie “Marienhof” Michael Jäger nennen. Beide konnten zum einen durch gekonntes und freies Reden überzeugen als auch durch ihre Geschichte.

Insbesondere Michael Jäger überzeugte durch seinen Lebenslauf, der Missbrauch am eigenem Körper erleben musste. Montag überzeugte durch gekonntes Darstellen und Transportieren von Informationen und Zusammenhängen.

Die restlichen Redner, von Arbeitskreisen wie “Vorrat”, “Zensur” oder der Piratenpartei aber auch von anderen Organisationen und Bündnissen, taten sich dagegen schwer, durch die Art und Weise des Vortrages zu überzeugen.

Leider kam es mir auch so vor, als wäre nicht nur ich zum ersten Mal auf einer Demonstration sondern jene Redner ebenfalls zum ersten Mal an einem Mikrofon. Schade, wenn sie auch alle inhaltlich recht hatten. Dass man eigentlich immer die gleichen Argumente (und Vergleiche) hören “musste”, war da nur Nebensache und sei nur kurz erwähnt.

Dinge, die richtig und wichtig sind, werden es nicht weniger, wenn man sie mehrmals wiederholt!

Leider fing es dann an wahnsinnig zu regnen. Sturzbäche flossen aus ergrautem Himmel auf eine demonstrationswillige Masse. Zunächst hielt man es noch aus aber nach und nach schlüpfte man unter Regenschirme, Sonnenschirme und herumstehende Bäume. Gut, dass es in München noch Grünflächen gibt!

Erste Auflösungserscheinungen waren erkennbar. Auch in den Gesichtern der Veranstalter perlten nicht nur Regentropfen von der Nase sondern es standen ihnen auch Fragezeichen auf der Stirn. Sollte man den Demonstrationsmarsch angehen oder die Demo wegen des Regens vorzeitig beenden?

Gottseidank wurde die nasse Masse befragt und hier war das Votum eindeutig: Auf gehts!

Nun wurde der Regenschauer auch weniger und die Sonne kämpfte sich immer mehr durch die grauen Wolken. Leider war die “Unterhaltung” aus den Boxen eher semi professionell. Beispielsweise hätte man dem Mann am Mikrofon einen “Sprüchezettel” an die Hand geben können, man hätte ihn ermuntern sollen, in kurzen knackigen Worten den Sinn der Demonstration auch den umherstehenden Passanten mitzuteilen. Er deutete es zwar immer mal wieder an, am Ende waren es nur noch vereinzelte Skandierungen und Ansagen via Mikro.

Schade, hier hätte man mehr machen können. Vielleicht sollen. Jetzt könnte man natürlich sagen “Wer hat dich daran gehindert, es selbst zu tun?”. Die Antwort: “Niemand”

Nur habe ich gemerkt, dass man sich durchaus auf eine Demonstration vorbereiten sollte. Nicht nur, dass man weiß, um was es eigentlich geht. Man hätte sich vielleicht auch Sprüche ausdenken sollen, die man in der Masse skandieren kann. Genauso wäre es nicht verkehrt gewesen, sich einige sinnvolle Sätze im Vorfeld zu überlegen, die man dann ggf. in ein Mikro hätte sprechen können.

Peter hatte hier beispielsweise eine Idee:

Muss ich sie sehen, da muss ich speien
Merkel, Schäuble, von der Leyen!

Am Ende der Demonstration gab es eine kurze Schlussansprache – wieder mit einigen Aussetzern an Verständlichkeit und Sprachgewandheit – aber es war im großen und ganzen ein tolles Zeichen.

Denn es waren nicht nur typische Nutzer des Internets dabei, sondern auch deutlich ältere und jüngere Interessierte. Der jüngste Teilnehmer dürfte 2-3 Jahre gewesen sein und der Älteste vielleicht 80.

Ein sehr schönes Bild – leider nicht festgehalten – war, als ein kleiner Junge, vielleicht 5-6 Jahre alt, ein Spruchband in der Hand hielt, auf der auf Freiheit und dem Verbot von Zensur verwiesen wurde.

Ja – Demokratie hat genügend Nachwuchs! Da muss einem nicht bange werden. Schöne Sache.

Auch wenn sich vielleicht beim lesen nicht unbedingt das Gefühl einstellt, aber es war ein guter Tag für die Freiheit und gegen Internetzensur. Es war ein guter Tag für die Demokratie in Deutschland und ein Zeichen an die regierenden Politiker.

Hier wächst eine Generation heran, die sich nicht mehr mit sinnlosen und dumpfen Sprüchen abfrühstücken lassen will und wird. Und diese Generation wird sich weiter professionalisieren und sich auf kurz oder etwas länger in der Materie zurecht finden.

Sollte dies von der Politik unterschätzt und kaum registriert werden, wird sich in Zukunft niemand wirklich wundern, wenn die großen Parteien mit einem immer größer werdenden Stimmenverlust zu kämpfen haben.

Wollen wir nur hoffen, dass jene Stimmen dann den demokratischen Parteien helfen werden, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und willens sind, sich für die Rechte und Freiheit der Bürger in Deutschland wirklich einzusetzen.

Es war ein guter Tag für Deutschland! Hierfür habe ich gerne gefroren. Dass ich zwischendurch mehr als nass war und mir nun die Füße ein wenig schmerzen – aus jenem Grunde gerne!

Demokratie darf auch mal “schmerzen”! Umso wichtiger ist es!

Euer Tobias

Alles wichtige zur Demo in München gibt es hier. Dort findet man auch Videos und Bilder der Demo. Gruß an die Piraten.

Nebenbei haben wir auch noch zusätzlich echt nette und interessante Menschen kenn-engel-ernt, mit denen man auch in Zukunft bestimmt noch Kontakt pflegen wird.

Die Bilder wurden mit meiner Handykamera aufgenommen, die kommenden Tage werde ich hier aber auch Links zu anderen Fotos einbauen.

Tobias Unter: Immer wieder Freitags // // Tags: // 0 Kommentare



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