Die Nürnberger Nachrichten veröffentlichen Kommentare um jeden Preis!

Jun 22nd, 2009 | By Tobias | Category: Gedanken im Wartestand

Mit einem Kommentar, welches scheinbar auf einer zweiminütigen Recherche basiert, äußert sich Dieter Schwab von den Nürnberger Nachrichten zum angekündigten Austritt des Politikers Jörg Tauss aus der SPD. Gäbe es einen Journalistenpreis für den unberechtigsten weil vor Recherchefaulheit strotzenden Kommentar, Dieter Schwab hätte hervorragende Chancen auf diese Würdigung.

Der Journalist Dieter Schwab hat – davon ist zumindest auszugehen – eine journalistische Ausbildung genossen. Diese Ausbildung basiert auf den ethischen und moralischen Grundsätzen, die sich der Journalismus weltweit auf die Fahnen schreibt, sowie auf dem Dogma, sich nur der Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu verpflichten. Hierzu gehört selbstredend eine fundierte Recherche bei sämtlichen Artikeln und Nachrichtenmeldungen. Wie sonst sollte die Presse ihren gesellschaftlichen Auftrag erfüllen: der Gesellschaft die Zusammenhänge in der Welt erklären und vermitteln, über Misstände aufzuklären, hin und wieder zu kritisieren und den mahnenden Finger in die Höhe halten, als durch eine Arbeit, die auf derartige Grundsätze basiert. Und dies neutral. Das ist unbestritten.

Und Dieter Schwab wird sich bestimmt auch auf diese Tugenden berufen, wenn man ihn nach seinen journalistischen Grundsätzen fragen täte.

Im Rahmen der medialen Aufarbeitung der kritischen Töne zum Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornographie in Kommunikationsnetzen und dem aktuellen medialen Höhepunkt, dem angekündigten Austritt des Politikers Jörg Tauss aus der SPD und dem Beitritt zur Piratenpartei, ausgerechnet in dieser Situation verlässt Dieter Schwab scheinbar jenen geradlinigen Weg der journalistischen Wahrheit und begibt sich auf den rumpelnden Wald- und Wiesenweg des Boulevard, der für die Realität des Zeitgeschehens eine informelle Sackgasse darstellt.

Dieter Schwab unterstellt Jörg Tauss, wenn auch nicht direkt in Worten sondern eher im übertragenem Kontext, dass der festgestellte und von Jörg Tauss nicht bestrittene Besitz kinderpornographischen Materials nicht der medienpolitischen Arbeit des Politikers im Parlament geschuldet war, sondern persönliche Beweggründe hatte. Dieter Schwab erwähnt in seinem Kommentar zwar die Unschuldsvermutung – das Verfahren läuft noch – aber der Tenor seines Kommentars spiegelt seine festgefahrene Meinung wider. Wer der Materie “Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornographie in Kommunikationsnetzen”, der Vita Jörg Tauss und den berechtigten kritischen Tönen rund um dieses Gesetz nicht kundig ist, der wird durch dieses Kommentar von Dieter Schwab einer eigenen Vorverurteilung des Politikers nicht abgeneigt sein.

Zum Einen führt Dieter Schwab den Lesern als Begründung für Jörg Tauss sich gegen das Gesetz zu stellen an, dass dieses Gesetz die Bürgerrechte verletze, obwohl durch dieses Gesetz Kinder geschützt werden könnten. Dies ist aber nur ein sehr kleiner Teil der Kritik an jenem Gesetz und betrifft eher die Zukunft der dadurch “gesetzkonform” gewordenen potentiellen Eingriffe des Staates in die Rechte seiner Bürger als die Gegenwart der Bekämpfung der Kinderpornographie. Dieter Schwab baut eine Verständnisbrücke auf, die nur so verstanden werden kann, dass Jörg Tauss (und jeder, der so denkt wie er) rein aus persönlichen Gründen gegen dieses Gesetz eintritt, da er selber durch diesen Eingriff gehindert wird, sich derartiges Material im Internet anzuschauen und zu beschaffen.

Dass Jörg Tauss und viele andere Kritiker an jenem Gesetz vorrangig zu bemängeln haben, dass dadurch eben gerade nicht das Kind als solches geschützt wird, sondern dass man einfach nur wegschaut, erwähnt Dieter Schwab nicht. Die technischen Möglichkeiten eine derartige Sperrung zu umgehen sind vorhanden und durch einfaches durchsuchen des Internets auch zu finden. Des Weiteren hat gerade Jörg Tauss – aber nicht nur er – durch seine sehr eigenmächtige und durchaus naive Eigenrecherche herausgefunden, dass der Anteil des Internets am Handel mit kinderpornograpischen Material viel geringer ist, als angenommen. Was allerdings nicht zu der Schlussfolgerung führen darf, dass man die ermittlungstechnischen Arbeiten der Behörden im Internet zurückfahren sollte.

Man sollte nur statt “sperren” der entsprechenden Seiten eher das Löschen dieser Internetangebote bevorzugen und intensivieren. Und die Mär, dass dies nicht geht, ist bereits mehrfach widerlegt worden. Auch dies erwähnt Dieter Schwab nicht. Doch nur das Löschen dieser Seiten dürfte zu einem ermittlungstechnischen Erfolg gegen die Kinderpornographie führen.

Zum Anderen unterstellt Dieter Schwab, wenn auch nur in einem eingeschobenen Nebensatz, dass die Ziele der Piratenpartei im wesentlichen eine Legalität der Downloads im Internet umfassen. Diese falsche und wahrscheinlich bewusste weil medienwirksamere Unterstellung der “illegalen Ziele” der Piratenpartei basieren anscheinend auf dem Unwollen des Dieter Schwab, sich ernsthaft und eingehend mit dieser Partei zu beschäftigen. Zumindest könnte man erwarten, dass man sich die Ziele der Piratenpartei genauer anschaut, bevor man Worte über jene Partei verliert. Allein die Lektüre des Wikipediaartikels – eine große wenn auch gefährliche weil manipulierbare Fundgrube journalistischen Inhalts – zur Piratenpartei Deutschland, hätte bei einer ernstgemeinten Überprüfung der Inhalte und Ziele der Piratenpartei zum Ergebnis geführt, dass eine Focussierung auf das durch Dieter Schwab genannte “wesentliche Ziel” der Piratenpartei, den Downloads, eine gefährliche Zusammenfassung darstellt. Eine falsche und irreführende Aussage noch dazu!

Dieses Kommentar zeugt von einer Unkenntnis über die wahren Ziele und Forderungen der Piratenpartei und einer stümperhaften Erklärung der Zusammenhänge des angekündigten Austrittes von Jörg Tauss aus der SPD oder einer bewussten Fehlinformation bezüglich einer Partei, die mehr und mehr Zulauf erhält (Mitglieder aktuell ca. 2.200 sowie bei der Europawahl konnte sie 230.000 der abgegebenen Stimmen auf sich vereinen), und der beabsichtigen Vorverurteilung eines demokratisch gewählten Politikers oder zumindest des bewusst “in die Ecke der Pädophilen” Stellens eines Familienvaters.

Und ich weiß nicht, was hier schlimmer ist!

Aber beide, Dieter Schwab und die Nürnberger Nachrichten, wollten wohl lieber ein paar schnelle medienwirksame Schlagzeilen und Kommentare, als sich ernsthaft mit dieser Thematik zu beschäftigen. Natürlich würde sich die Nürnberger Nachrichten hinter ihrem Redakteur Dieter Schwab stellen und von ernsthaften Recherchen sprechen, die diesem Kommentar zu Grunde liegen, aber trotzdem umweht nun jene Zeitungsgruppe – von Minigruppierung möchte ich zwar bei jener Zeitung nicht sprechen und sie somit auch nicht rein sprachlich herabstufen, aber bei einer gesamtzeitlichen Betrachtung der Verbreitung/des Verkaufs/der Abbozahlen und der Druckauflage (Datenmaterial) der Nürnberger Zeitung sind doch eher Bewegungen zu erkennen, die darauf schließen lassen, dass die Zeitungsgruppe einen anderen Weg gehen wird, als es der Piratenpartei zu gönnen wäre – nun der Verdacht, sie wolle sich nun auf den Weg der großen Boulevardzeitungen begeben und sich eher der Wirkung eines Artikels widmen als der Verbreitung von realistischen Einschätzungen die auf einer fundierten Recherche beruhen.

Ob sie eines Tages von der fränkischen Bildfläche verschwunden sein wird, ist heute naturgemäß nicht zu beurteilen. Zu wünschen wäre es unserer regionalen Zeitungslandschaft nicht, allerdings auch nur, wenn die Nürnberger Nachrichten mit fundierten Artikeln und Kommentaren ihren gesellschaftlichen Auftrag erfüllt. Sollte sie ihren “eingeschlagenen” Weg weiter gehen, wird man in Zukunft bei der Betrachtung von seriösen Zeitungen von den Nürnberger Nachrichten nichts mehr hören.

Und das wäre auch gut so – für die journalistische Kultur!

Tobias

Nürnberg, 22.06.2009

Eine Einschätzung meinerseits vom 12.März zu Jörg Tauss und den bei ihm gefundenen belastenden Materialen findet man hier

Eine Mail an die Online-Redaktion der Nürnberger Nachrichten mit einem Linkverweis auf diesen Blogeintrag ist abgesand, des Weiteren habe ich Herrn Dieter Schwab gefragt, wie seine journalistischen Grundsätze aussehen. Sofern ich eine Antwort erhalte, werde ich diese hier natürlich veröffentlichen.

Update 23.06.2009: Bisher veröffentlichte die NN vier Leserbriefe zu diesem Thema. Wir haben indes noch keine Antwort erhalten. Das “zu” ist übrigens der Leserbrief des Vorsitzenden der Piratenpartei, Dirk Hillbrecht.

Update 08.07.2009: Ich stehe seit gestern mit Herrn Schwab in Mailkontakt.

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5 comments
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  1. Richtig, richtig, was hier steht. Aber was soll man an Tiefgründigkeit von so einem Rentner der da mal eben so einen fünf-ein-halb Zeilen Kommentar für die NN raushaut schon erwarten, nich?

    Dieser Blog-Artikel hat, wahrscheinlich ohne das der Author eine journalistische Ausbildung genoßen hat, ca. die 100-fache Qualität des NN-Artikels… ;)

  2. Hat er nicht, also eine journalistische Ausbildung genossen. Daher dankt er auch freundlich und grüßt in den Westen!

    Sollte Dieter Schwab hier mitlesen, so sei erwähnt, dass ich denke, dass “Rentner” keine Beleidigung ist sondern die Bezeichnung einer sehr großen Bevölkerungsgruppe in Deutschland, die nicht mehr überwiegend einer Erwerbstätigkeit nachgeht und ihren Lebensunterhalt aus einer Rente, also einer gesetzlichen oder privaten Versicherungsleistung, bestreitet.

    So wie mein Opa. Toller Typ übrigens, also mein Opa!

  3. [...] aufstößt: Dieter Schwab will Schlagzeilen um jeden Preis Die Nürnberger Nachrichten veröffentlichen Kommentare um jeden Preis!   magenbrot’s [...]

  4. Leider hat der Mann kein Ohr für Kritik und keine Lust auf Recherche:
    http://www.nn-online.de/artikel.asp?art=1045716&kat=3

  5. Vielen Dank Kai für den Link … hab es gleich mal mit einem weiteren Kommentar “bedacht” …

    Jetzt bekomme ich langsam Angst, dass das zu einem Hobby werden könnte: eigene Kommentare zu Kommentaren anderer zu schreiben …

    Ich bin k.r.a.n.k … verwirrt und verstört.

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