23 06

Politik ist in aller Munde! Teil I

Kommt es Ihnen auch so vor, als würde man momentan überall über politische Dinge fachsimpeln? Und das nicht nur im Bundestag, auf irgendwelchen Parteitagen oder am Stammtisch. Nein, an der Arbeit, im Bus, vorm Kino, zuhause vorm Fernseher, beim Abendbrot (“Brotzeit”) oder beim Mittagessen. In der Straßenbahn und an der dazugehörigen Haltestelle. Überall hört man aktuell Menschen – vorrangig die Jüngeren – wie sie über die Familienministerin und ihr Gesetz diskutieren, die Chancen der Piratenpartei ausgeloten, man spricht über die kommende Bundestagswahl als würde es sich hierbei um den bevorstehenden Bundesligaspieltag handeln und dass man nun endlich auch mal wählen gehen wird, da man erkannt hat, dass man nicht nur eine Stimme hat, sondern sie auch dazu nutzen kann, sich für eine Politik einzusetzen, die einem wirklich entspricht.

In Deutschland hat eine neue Politisierung stattgefunden. Und diesmal betrifft es die junge Generation, die mit C64, AMIGA 500 und Linux sowie Iphone aufgewachsen ist.

Natürlich wird der aktuelle Politik-Hype auf dem die Piratenpartei, Jörg Tauss und all die anderen “IT-Politiker” surfen, in mittlerer Zukunft abebben. Dann kommen wieder andere Themen in den Mittelpunkt. Erst recht bei der jüngeren Generation. Da sollte man sich keiner Illusionen ergeben. Die Frage ist nur, schafft es diese Welle zumindest so stark zu bleiben, dass deren Ausläufer am Strand noch als rauschende Gischt bemerkt werden oder plantschen die Strandbesucher mit nackten Beinen seelenruhig im Kabbelwasser einer ehemals großen Bewegung?

Es liegt also an den Protagonisten der Politik, die aktuelle Welle auszunutzen, um die Freude und den Gestaltungswillen, den die Politik ausüben imstande ist, auch für die Zukunft in einer breiten Gesellschaftsschicht aufrechtzuerhalten.

Wie sehen hier die aktuellen Konzepte und Entwicklungen aus? Vier jüngste Beispiele aus unserer Sicht!

“Ich kann Kanzler” Das ZDF steigt ein in die “seriösen” Castingshows. Diesmal ging es nicht um den besten Gesang, den tollsten Tanz oder einfach nur um den besten Showact, nein, diesmal sollte es rein um politisches Engagement und Knowhow gehen. Ansich eine gute Idee. Junge Menschen sollen animiert werden, sich für Politik zu interessieren und sich für ein Amt, den des Kanzlers/der Kanzlerin, zu bewerben. Im Rahmen des Castings mussten die Teilnehmer mehrere Prüfungen bestehen, sie mussten für ihre politischen Standpunkte einstehen und diese auch erläutern und am Ende gewann Jakob Schrot durch ein Zuschauervoting. So die Kurzform.

Wir müssen nämlich zugeben, dass wir diese Show überhaupt nicht verfolgt haben. Man hat es hin und wieder “bemerkt”, wenn man mal durch die Sender gezappt hat und man zufälligerweise beim ZDF hängen blieb und dort gerade zufällig eine entsprechende Werbung für die Show lief. Die notwendige mediale Aufmerksamkeit hatte jene Sendung also nicht, was der Gewinner in einem Interview auch selber einräumt (“Einschaltquoten mäßig”). Nichtsdestotrotz haben wir uns kurzerhand dazu entschlossen, die ZDF Mediathek zu besuchen um uns mal etwas zu informieren. Und was soll man sagen?

Man könnte es in einem Wort zusammenfassen: Sehr unglaubwürdig – wenn auch engagiert!

Wenn man sich die Profile der Finalteilnehmer einmal anschaut und sich die Vorstellungsvideos ansieht, müsste einem eigentlich Angst und Bange werden. Junge Menschen, die sich gottseidank für gesellschaftliche Dinge einsetzen bzw. einsetzen wollen und man in deren Gesichtern auch ablesen kann, dass sie dazu stehen, verhalten sich wie uralte und durch politische Ränkenspiele zermürbte Politiker. Kaum Esprit, kaum Eigenwitz und umso mehr einstudierte Phrasen. Merkel und Schröder wären stolz auf “ihre potentiellen Enkel”. Die Haltung des Körpers, die Gestiken – man könnte meinen, dort stehen Politiker, die bereits die besten Jahre hinter sich haben. Und erst die Sprache! Wer spricht denn heute noch so, wie man es für unseren Geschmack mindestens einmal zuviel hören musste? Die alten und ewig Gestrigen, ok, die schon. Aber wollten jene Teilnehmer nicht gerade dafür sorgen und dazu stehen, dass die Politik auch die junge Generation erreicht? Denn nicht nur der Gewinner verweist auf diesen Erfolg (in seinem obigen Interview) – wir fragen uns nur, wo soll der sein?

Durch diese Show, die bestimmt gut gemeint war, wurden unseres Erachtens keinen neuen Anhänger der Politik und am gesellschaftlichen Miteinander in einer Demokratie gefunden. Eher das Gegenteil.

Der Gewinner indes rennt momentan von Interview zu Interview und darf überall schön brav rumerzählen, was er bisher alles gute für die Menschheit getan hat und in Zukunft auch noch zu tun gedenkt. Diverse Ehrenämter schmücken seine Vita und er engagiert sich sogar im Ausland für eine bessere Welt. Toll! In der Heimat engagiert er sich in der Jungen Union und kümmert sich aufopferungsvoll um die Kommunalpolitik in seiner Heimatstadt Brandenburg an der Havel. Ehrenwert!

Warum man beim lesen dieser Zeilen denken könnte, dass wir ihn nicht ganz ernst nehmen? Dass er für uns eher unglaubwürdig als mitreißend wirkt? Die Antwort hierzu in zwei Schritten:

Zum Einen sollte man sich sein Video anschauen (das Bild ist ein Link zur Mediathek, dort dann zu seinem Profil wechseln) und ihn beim ersten Mal nur zuhören und beim zweiten Mal nur zuschauen! Die Sprache und die Art und Weise, wie er seine Gedanken vorträgt: Politik von gestern, die keinen Jungwähler ansprechen wird. Auch seine Gestik – die “berühmten Angela Merkel Handbewegungen” sind zu erkennen und er steht stocksteif in der Ecke. Ok, natürlich kann es sein – und so wird es auch sein – dass Jakob Schrot immer so ist und sich nicht verstellt und dass er nunmal so redet, aber wenn man sich einem jungen Publikum widmen will, sollte man sich auch annähernd so verhalten, sonst wirkt man nicht glaubwürdig. Ähnlich verhielt es sich am Samstag mit Jimmy Schulz von der FDP. Er hat den rechten Sinn für die Politik, aber dennoch kann er nicht nur mir “zu geleckt” vor. Alles reine Vorurteile?

Zum Anderen verweisen wir auf seine eigene Webseite. Wir gehen mal davon aus, dass er sämtliche Texte auf seiner Seite noch selber schreibt. Will man den jugendlichen Wählern ernsthaft einen solchen Nachwuchskohl als “glühendes Beispiel” jugendlichen Politikengagements verkaufen? Ich hoffe nicht, oder haben Sie schonmal in der heutigen Zeit vom “physischen Anspruch” gelesen?

Meine Freizeit verbringe ich vorrangig mit politischem Engagement, Klavier und meiner Freundin. Meinen physischen Anspruch finde ich seit Jahren in der Leichtathletik.
[unter Persönliches]

Ich will gar nicht wissen, was er in seiner Freizeit mit seiner Freundin macht. Flyer der JU verteilen und über den Weltfrieden diskutieren? Sehr schön auch, was Jakob Schrot antreibt.

Meine Inspiration schöpfe ich aus der Liebe zur Musik, vor allem aus Stücken von Frederic Chopin ( 1810-1848 ).
[unter Persönliches]

Jetzt mal ganz ehrlich? Will man solche jungen Politiker, die jetzt schon so reden und gestikulieren, als wären sie 45 und schon 25 Jahre in der Partei? Will man so die junge Generation “bei der Stange” halten? Das wird ein Fehlschlag. Da können Nachwuchspolitiker wie Jakob Schrot noch so nett, sympathisch und aufrichtig sein und für eine gute Sache eintreten, die Generation, um die es jetzt geht, wird kurz vom Iphone aufschauen, den Kopf schütteln und sich wieder der Technik widmen.

Dennoch ist schon jetzt klar, dass Jakob Schrot seinen Weg in der Politik machen wird. Ob er jugendliche Generationen und Wähler mitreißen wird, ist aus unserer Sicht nahezu ausgeschlossen. Schade. Aber wir wünschen ihm dennoch viel Erfolg.

Und wer bitte schön, kam auf diesen bescheuerten Titel für diese Sendung? “Ich kann Kanzler” Erinnert stark an die typischen Dialoge in einer Bratwurtsbude.

“Wer ist die Pommes?” – “Ich bin die Pommes!”

Prima. Und solche Menschen wollen dann Kanzler werden. Oder zumindest einen solchen wählen.

“Freie Union”Wenn du keine Partei findest, die dich will oder mit der du deine Ziele nicht erreichen kannst, dann gründe einfach eine neue Partei!” Gesagt, getan. Wie schonmal angedeutet, hatte Frau Dr. Gabriele Pauli erwägt, eine eigene Partei gründen zu wollen. Seit ein paar Tagen ist die Parteienlandschaft um eine Partei reicher.

Die “schöne CSU Rebellin” und ehemalige Landrätin des benachbarten Landkreis Fürth steht nun einer Partei vor, die ganz nach ihrem Ansinnen ist. Denn sie hat das Parteiprogamm eigenhändig geschrieben und verfasst. Und vieles, was man dort zu lesen bekommt, findet man auch bei den anderen Parteien, aus derem Spektrum sich die “Gefolgsleute” der Freien Union rekrutieren. Der Name der Partei verrät bereits das Notwendige. Es ist eine Mischung aus der CDU/CSU und den Freien Wählern. Mal bedient sich Frau Dr.Pauli bei der Union, dann wieder bei den Freien Wählern. Gerade so, wie es ihr passt. Ein kleverer Zug, wie wir finden. Und wenn man sich ihr Parteiprogramm einmal näher zu Gemüte führt, wird man auch kaum “Anstößiges” oder gar “Unrealistisches” vorfinden. Aber auch bei den benannten Parteien sehen die Parteiprogramme mitunter deutlich anders aus, als die reale Politik.

Man wird nun sehen, was die Zeit bringen wird. Vielleicht eine “neue” Politikkultur – allein der Glaube fehlt. Diese Partei wird – davon ist auszugehen – für eine zeitlang ein wenig in der medialen Aufmerksamkeit mitschwimmen und dann mitsamt seiner Bundesvorsitzenden untergehen. Wir können uns kaum vorstellen, dass durch jene Partei große Stimmenverluste bei der CDU/CSU bzw. bei den Freien Wählern stattfinden werden. Zu ähnlich sind die Programme1. Man wird höchstens eine gewisse Unklarheit bei den Wählern feststellen, worin sich jene Parteien unterscheiden. “Splitterparteienpolitik” ohne eigenständiges Profil war noch nie gut. Nicht für die Partei und auch nicht für die Wähler.

Dafür erfüllt Frau Pauli bereits jetzt den Anspruch, eine “andere Partei” zu führen, als es die etablierten Parteien vorleben. Sie ist nämlich ungewollt komisch. Zumindest aus unserer Sicht. Denn wer – fragen wir – wer ist eigentlich Herr Schmiedl?

Die ebenfalls aufgestellte Liste für die Bundestagswahl für Bayern wird von Dr. Gabriele Pauli angeführt. Auf den weiteren Plätzen folgen Alex Burkart, Sabrina Olsson, Michael Meier und Herr Schmiedl.
[aus der Information an die Mitglieder]

Bereits einen Absatz vorher spricht Gabriele Pauli ebenfalls von einem “Herrn Schmiedl”, einen Rechtsanwalt aus Regensburg, der den Landesvorsitz des Landesverbandes Bayern inne hat. Aber immer ohne Vornamen. Hat Frau Pauli den Vornamen vergessen? Ist es ein Geheimnis, welches sich zu schützen lohnt? Was will die Spitze der Freien Union verbergen?

Also wir finden das sehr lustig, dass man Herrn Schmiedl als einzigen ohne Vorname benennt. Das macht aus ihm etwas besonderes. Wenn unsere kurzweiligen Recherchen stimmen, dann hört Herr Schmiedl auf den Vornamen Oliver. Ein Vorname, den man nicht verstecken muss.

Wie man sieht, die Betrachtung der politischen Veränderungen und Entwicklungen kann auch einmal ungewollt komisch sein.

Euer Lars

1 Ganz anders bei der Piratenpartei, deren Inhalte sich deutlich von den etablierten Parteien absetzen. Daher spricht diese Politik direkt eine Wählerschicht an, die sich ansonsten kaum in anderen Parteien zuhause fühlt. Hier kann noch etwas “verändert” werden, ein Ziel welches sich zwar auch Frau Pauli setzt, sich aber dennoch nah an den o.g. Parteien orientiert. Daher wird die Freie Union eine Splitterpartei bleiben. Sie kann nur hoffen, dass sie einmal die Rolle der Linkspartei für den rechten Flügeln spielen wird. Wobei diese Rolle seit jeher die FDP inne hat.

Morgen kommen wir dann zu den zwei weiteren jüngeren Beispielen. Zum Einen die Ankündigung des PolitCamp 1.0 (an der wir im Jahr 2010 selber teilnehmen) und ein Rückblick auf den ersten medialen Auftritt der Piratenpartei in einem großen Sendeformat (Phoenix; Unter den Linden). Und ein Review des Poetry Slams in der St.Klara Kirche steht ja auch noch aus. Und der 24h DVD Marathon – es gibt viel zu tun, packen wir es an! Der Tag müsste 25 Stunden haben. Aber wirklich.

Das im Auszug abgebildete Foto vom flickR user “strickerat” wurde unter einer CC Lizenz veröffentlicht und zur weiteren Verbreitung unter den dort genannten Voraussetzungen freigegeben.

Lars Unter: Zeit(en)geschehen // // Tags: , , , // 1 Kommentar



Eine Antwort to “Politik ist in aller Munde! Teil I”

  1. Tobias sagt:
    29. Juni 2009 um 07:27

    .. nur als eigene Ergänzung/Aktualisierung: Es ist Herr Oliver Schmiedl.

    Auf der Webseite der Partei wurde der Text geändert. Hab ich gerade entdeckt.

    Woher es die Partei hat – also den Vornamen – darf man nur erraten. Zugriffe auf unsere Webseite aus München wurden verzeichnet.

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