06 07
Altes von Dieter Schwab!
Ich muss zugeben, dass ich kein regelmäßiger Leser der Nürnberger Nachrichten bin. Und ich habe auch nicht vor, in naher Zukunft einer zu werden, auch wenn mir so fast ein neuer Kommentar von Dieter Schwab durch die Lappen gegangen wäre. Aber dank eines aufmerksamen Lesers, kam ich soeben in den Genuss neuer Wortformulierungen eines fränkischen Zeitungsjournalisten – eines Journalisten, der scheinbar zu jedem Thema ein Kommentar schreiben kann und andersdenkende Positionen kritisiert, aber selber nicht auf kritische Leserbriefe reagiert. Das folgende Kommentar werde ich jetzt einfach mal im Stile eines Stefan Niggemeiers1 “auseinander nehmen”. Und ja, werter Herr Schwab, ich hatte jetzt gerade genauso wenig Zeit und Lust nach Fakten zu recherchieren5, wie ich es Ihnen im letzten Blogeintrag zu diesem Thema unterstellt habe.
Sie können mich aber gerne eines besseren belehren. Ich bin lernfähig.
Dieter Schwab schreibt:
Die Generation der unter 30-Jährigen hat bisher ziemlich viel interessiert: Playstation und X-Box zum Beispiel, kostenlose Kopien aus dem World Wide Web oder Ballerspiele. Politik hat dazu eher selten gehört. Das beginnt sich jetzt zu ändern: Die Kinder des Internets werden erwachsen.
Allein bei jenem Satz müsste man eigentlich fragen, ob Dieter Schwab seine Artikelformulierungen aus irgendwelchen geheimen Regierungsprogrammen der Union abgeschrieben hat. Die pauschalieren nämlich auch immer alles und stecken Möhren, Erbsen und Kartoffeln in einen Topf, und hoffen, dass ein wohlschmeckender Eintopf dabei heraus kommt.
Des Weiteren würde es mich interessieren, ob Dieter Schwab eigene Kinder hat. Die müssten dann ja auch in jene Generation fallen. Was macht er mit denen? Haben die überhaupt die Chance auf ein Nürnberger Nachrichten freies und artgerechtes (=jugendliches) Leben? Und welche Generation meint Dieter Schwab mit seiner Formulierung genau. Weil bis vor kurzem war auch ich noch in jener Altersgruppe. Aber mit beispielsweise 28/29 steht man voll im Berufsleben, kümmert sich um die eigene Familie, hat gelernt, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen seines Handelns zu erkennen. Und das vor dem Handeln. Das würde sich dann aber schon sehr “beißen” mit der von mir unterstellten Intension des Kommentars: Die Jugendlichen waren bisher eher vom Typ “Hans Guck in die Luft!”.
Aber scheinbar ist Dieter Schwab ein Anhänger der “Ich packe einfach mal alle Vorurteile der heutigen Jugend gegenüber in einen Satz, haue ein paar Schlagworte der heutigen Zeit dazu und schon habe ich einen prima Aufhänger für ein Kommentar, welches ich eigentlich gar nicht schreiben mag, da ich mich mit der Materie zu wenig auskenne”.
Und bei den Europawahlen bekam eine Splittergruppe mit dem merkwürdigen Namen Piratenpartei knapp ein Prozent der Stimmen. Das ist ziemlich viel für eine Organisation, die im Straßenwahlkampf praktisch nicht vorkam. Der Name ist selbst-ironisch; die Organisation will jedem eine kostenlose Kopie unter anderem von PC-Programmen zugestehen. Die Hersteller nennen das Piraterie
.
Und ich nenne dass falsche Pauschalierung und gewollte Unkenntnis einer Partei gegenüber, der ich nicht angehöre, dessen inhaltliches Programm aber in aller Munde ist. Leider zumeist in den Mündern, die sich immer nur die Krümel herauspicken, wenn es darum geht, diese Partei zu beschreiben. Den Rest lässt man einfach unter den Tisch fallen. Warum setzt sich eigentlich keiner ernsthaft mit jener Partei auseinander, die man scheinbar jetzt und in der Zukunft immer nennen muss – ansonsten würde man einen journalistischen Fehler begehen und grob fahrlässig “stimmige” paradigmatische Denkschemen2 nicht bedienen – wenn es um die Themen Internet in Verbindung mit Urheberrechte und Vertriebsrechte geht.
Und ein Gedanke zum Straßenwahlkampf: Noch nichts von diesem neumodernen Dingsbums gehört? Nennt sich Internet und wird in Zukunft die meiste Zeit der täglichen 24h eines Menschen “beherrschen”. Dort findet man Informationen zu jeglichen Themen, jeglichen Meinungen und Gegenmeinungen – und das nur ein paar Klicks voneinander entfernt. Und das 24h am Tag, sieben Tage die Woche. Die Partei, die nur auf Straßenwahlkampf setzt, hat das Internet wirklich nicht verstanden. Natürlich wird die Piratenpartei auch auf der Straße ein Wörtchen mitreden wollen, aber da sich die Inhalte dieser Partei zumeist um das Thema Internet drehen, ist es wohl auch sehr verständlich, wenn das Hauptsprachorgan dieser noch sehr jungen Partei zunächst im Internet zu finden sein wird. Für einen organisierten und bemerkbaren Straßenwahlkampf – also old school – ist die Partei noch zu klein und ist zudem auch darin begründet, dass sich die notwendigen Bezirksgruppen, die einen solchen Straßenwahlkampf stemmen müssen, erst noch gründen müssen. Auch in Nürnberg4! Von daher werden wir in Zukunft vom Investigativreporter Dieter Schwab, dem selbsterklärten3 Internetrechte- und Splittergruppenexperten in Zukunft bestimmt auch Reportagen und hautnah erlebte Live-Rechercheberichte erwarten dürfen. Freuen wir uns schonmal.
Auf den ersten Blick kann niemand etwas dagegen haben: Die großen Anbieter von Netzzugängen müssen nach einer Sperrliste des Bundeskriminalamtes Server blockieren, auf denen kinderpornografisches Material angeboten wird.
Wenn Sie, werter Herr Schwab, damit meinen, dass niemand etwas gegen ein hartes Vorgehen gegen Kinderpornografie hat, dem kann dann wirklich jeder guten Herzens nur zustimmen. Und wenn ich JEDER schreibe, dann meine ich auch jeden normal denkenden Menschen.
Die Internet-Gemeinde vermutet, dass sich diese Blockaden ziemlich leicht umgehen lassen, aber eine Zensur-Infrastruktur errichtet wird
Diese Internet-Gemeinde – wobei ich diese “Gemeinde” eher als Milliarden-Boomtown beschreiben würde, wenn ich schon einen urbanen Begriff nutzen will – vermutet nicht nur, sie weiß es. Und Sie, werter Herr Schwab, Sie wüssten es auch, wenn Sie sich mit jenem Thema ernsthaft befassen würden. Ich gehe daher davon aus, dass Sie es entweder nicht getan haben oder aber wissentlich das Wort “Vermutung” nutzen, um den unkundigen Leser zu signalisieren: Absoluter Quatsch – diese Sperren sind sicher!
Genau – genauso sicher wie die Rente!
Und es müsste nicht “Blockaden ziemlich leicht umgehen lassen, aber eine Zensur-Infrastruktur errichtet wird” heißen sondern “Blockaden ziemlich leicht umgehen lassen UND eine Zensur-Infrastruktur errichtet wird“.
Für die Bundesfamilienministerin, die dieses Vorhaben hartnäckig durchdrückte, gibt es deshalb einen Spottnamen: «Zensursula« von der Leyen.
Mal von jenem Spitznamen abgesehen, den ich beispielsweise noch nicht in den Mund genommen habe, zeugt doch der Ausdruck “hartnäckig durchgedrückt” aus meiner Sicht davon, dass der Autor dieser Zeilen sehr wohl zur Kenntnis genommen hat, dass die Politik die begründeten Kritiken und Warnungen vieler vieler Menschen (auch Politiker) einfach mal außer acht (oder sogar neun) läßt und am Volke vorbei regiert. Warum schreibt er es dann nur nicht?
Das Gesetz ist auf drei Jahre befristet; eigentlich könnte man Parlament und Rechtsstaat vertrauen. Und natürlich ist es keine Zensur, den Zugang zu strafbaren Inhalten zu unterbinden.
Nur würde man der ursprünglichen Sache deutlich mehr dienen, wenn diese strafbaren Inhalte einfach gelöscht würden und die Urheber ermittelt. Geht nämlich alles schon. Man muss nur “a weng wollen”. Und genau das tun die Politiker nicht und Medien, die dieses “Märchen des Kreuzzuges gegen die Kinderpornografie” weitererzählen, machen sich aus meiner Sicht an dieser Schieflage mit schuldig.
Leider traue ich den von uns allen gewählten Politikern nicht mehr völlig blindlings (in die somit selbstverschuldete Hölle), wie ich es vielleicht bei meinen ersten Wahlen getan habe. Dem Rechtsstaat vertraue ich, nur leider basteln die Politiker (oder einige dieser Mitmenschen) an immer neueren kreativen Auslegungen des Rechtsstaates. Und dieser Rechtsstaat gefällt mir dann schon wieder weit weniger gut. Von Vertrauen will ich dann mal gar nicht sprechen.
Doch die Aufregung in der Internet-Gemeinde ist ebenso groß wie das Engagement: Links zu missliebigen Kommentaren werden in die ganze Republik verschickt, es hagelt anschließend kritische E-Mails. Viele sind so geschrieben, wie eben in Internet-Foren gelegentlich diskutiert wird: Hart an der Grenze zur Beleidigung und ohne Name und Adresse. Die Autoren müssen noch lernen, dass anonyme Stellungnahmen in der wirklichen Welt niemand richtig ernst nimmt.
Ich habe mir nochmal meinen Blogeintrag zum letzten Dieter Schwab Content durchgelesen – echt, hab ich – und ich zähle mich nicht in jene Gruppe der beleidigenden kritischen Töne ohne Name und Adresse. Dass ich nicht ernst genommen werde – wie gesagt, noch keine Reaktion von Dieter Schwab auf meinen Leserbrief – muss ich leider dennoch feststellen.
Mit dem Thema Kinderpornografie im Internet muss sich nun Karlsruhe auseinandersetzen. Wie immer das Urteil ausfällt: Es wird dazu beitragen, dass die Kinder des Internets in der Wirklichkeit ankommen.
Vollkommen richtig. Wobei nur dann ein Schuh draus wird, wenn man “die Kinder des Internets” um die “sich verweigernden Eltern” ergänzen würde – was aus meiner Sicht sogar noch wichtiger ist!
Das oben erwähnte Zitat (“Die Autoren müssen noch lernen, dass anonyme Stellungnahmen in der wirklichen Welt niemand richtig ernst nimmt“) werde ich nochmal zum Anlass nehmen, an meinen damaligen Leserbrief zu erinnern.Vielleicht ist der nur nicht bei Herrn Schwab angekommen.
Update 08.07.2009: Ich stehe seit gestern mit Herrn Schwab in Mailkontakt.
Euer Tobias
Soeben erreichte mich ein weiterer Kommentar eines bayerischen Journalisten zum Thema Piratenpartei, Internet und Zensur. Ich pauschaliere jetzt einfach mal: Gottseidank hat der Autor Harald Raab (Mittelbayerische Zeitung) eine wirklich nette Sprache verwandt, die für den Otto Normalbildzeitungsleser völlig unverständlich sein dürfte, so dass sein Kommentar erst gar nicht von der Masse verstanden wird.
Und außerdem wurde jener Kommentar bereits durch ein Gegenkommentar – lustigerweise im gleichen Stil – bedacht. Da ich den Autor kenne, kann ich das hier ruhigen Gewissens verlinken.
1Ich vergleiche mich natürlich nicht mit Stefan Niggemeier. Ich beziehe mich hierbei auf die Art und Weise seines aktuellen Blogeintrages.
2Wobei dies ja auch schon wieder ein Pleonasmus sein dürfte …
3Ich gehe naiv davon aus, dass ein Journalist nur dann seinen Namen unter einen Artikel schreibt, wenn er auch dazu steht und wenn er sich berufen genug dazu fühlt, darüber in der gewählten Form zu berichten.
4Da ich einen der beteiligten Mit-Organisatoren persönlich kenne, weiß ich, dass die Franken hier auf einem guten Weg sind.
5Nicht mal gegengelesen habe ich meine geistigen Ausbrütungen. Soviel Zeit muss sein – es zu erwähnen – zu wenig Zeit, um es gar nicht erst erwähnen zu müssen. Daher auch die Fußnote 5 bereits ganz am Anfang des Blogeintrages. Ich bitte dies zu entschuldigen.
2 Antworten to “Altes von Dieter Schwab!”
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cpt_hammer sagt:
7. Juli 2009 um 01:54Sehr schön zu lesen… was deinen Stil betrifft. Traurig, dass es solch Menschenschläge meist wie Mistkäfer in einem Dunghaufen gibt. Mit Dank für den Link setze ich bei mir auch einen auf dich, so das ok ist
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Tobias sagt:
7. Juli 2009 um 02:01Ich schau mal kurz in mein Impressum .. ok, du darfst ..
Kann in dem Zusammenhang ja mal meine Blogroll aktualisieren .. da steht noch deine alte Webadresse.
