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Nürnberger Poetry Slam, 22.10.2009
Der bevorstehende deutschsprachige National SLAM 2010 in Düsseldorf wirft seine Schatten voraus. Überall in der Slamrepublik slammen sich die Teilnehmer und somit potentiellen Vorrunden-, Halbfinal- sowie Finalgewinner warm. So auch gestern in Nürnberg beim WORTGEFECHT. Eine Line-up, welches wohl jederzeit in der Lage wäre, sämtliche Richtungen des Poetry Slams anzubieten oder neue Rubriken zu erfinden und hinzuzufügen.
Knapp 150 Zuschauer verfolgten 8 Poeten und einen Moderator, der tänzelnd auf der Bühne im schicken Outfit durch den Abend führte. Als featured poet war eigentlich Andreas Weber vorgesehen, den aber Tilman Döring wunderbar ersetzte.
fp: Tilmanns erster Text “aufwachen” begann damit, dass ihm die Sonne quälte, denn sie schien direkt in sein Gesicht. Aber als Schüler muss man ja leider sehr früh raus, so dass ihm nichts anderes übrig blieb, als aufzustehen – um gleich wieder hinzufallen. Er erkennte, dass er gar nicht in seinem Bett lag sondern nach einem großen Suff im Schatten eines Baumes. Natürlich war er nicht imstande zur Schule zu gehen und ließ es daher auch. So die Kurzform. Sehr schöne Reime, klasse vorgetragen und mit den gewissen Pointen, die man benötigt, um ein Publikum in den Griff zu bekommen.
Sein zweiter Text handelte von einer Schach Party. Sex unter den Schachfiguren. Zunächst sinierte Tilmann über den Menschen ansich, das er dauernd damit beschäftigt ist, Krieg zu führen. Und wenn er keinen Krieg führt, dann spielt er ihn nach. So auch beim Schach. Krieg und Leid mit Intellekt! Er stellte sich dann in seinem Text vor, was wohl passieren würde, wenn man das Schachspiel einmal zur Seite legen täte? Und in seiner Vorstellung fielen dann die Schachfiguren übereinander her. Allerdings nicht mit Waffen oder Geifer sondern eher sexuell angehaucht. Die Königsfamilie spielte nackt Twister, man streichelte sich unterm Kettenhemd und die Dame war am Ende schwanger – durch einen Bauer.
Tolle Idee und am Ende ein allgemein gültiges Ausrufezeichen!
1.Teil
meiner einer selbst: Ja auch ich war mal wieder bei einem Poetry Slam aktiv dabei. Und ich war gar nicht böse drum, als erstes auf die Bühne zu müssen, da meine Nasenwände zu der Zeit einmal frei waren. Vielleicht kam mein Anfangsmonolog über den in Franken vorherrschenden Schockzustand, als am Mittwoch bekannt wurde, dass die Region eine weltweit bekannte Institution verliert, nicht so gut an: Eisbär Flocke verlässt den Nürnberger Tiergarten und zieht nach Frankreich. Zu Beginn war es sehr ruhig und nachdenklich, da jeder an Quelle dachte, aber nach der Auflösung sah ich in einige erboste Gesichter. Egal. So ist das Leben und es muss weiter gehen. Auch ohne Quelle und ohne Flocke. In meinem Text “Jessica” erzählte ich von einer Begegnung mit einer alten Schulfreundin im Zug von Kassel nach Nürnberg. Sie erzählte mir von heute und ich träumte von früher. Die Jury gab 18 Punkte und mir die Erkenntnis, dass es ein lustiger Abend werden könnte.
Peter: “Scheiße, denk ich, irgendwas läuft hier falsch!” So das Motto und der Titel seines sehr unterhaltsamen Textes. Peter, frisch getrennt, wollte mal wieder Urlaub machen. Geld hat er ja jetzt wieder, durch das Single Leben spart er eine Menge Geld für Blumen und Seife. So buchte er über das böse Internet beim ADAC seine Traumreise, die bereits im Flugzeug eine gewisse Wendung nahm. Denn dort wurde er von einem Kleinkind namens Sören-Uwe mehr als nur ein wenig genervt. Auch das intervenieren bei seiner Mutter nützte nichts. So wusste sich Peter nicht anders zu helfen, als dem Jungen Schnaps und Abführmittel in seine Flasche zu tun. Der Rest des Fluges war für Peter mehr als ruhig, da der Kleine nun die gesamte Zeit auf dem WC verbrachte. Am Urlaubsort angekommen gab es erstmal Rangeleien am Gepäckband, aber auch das war noch zu übersehen. Doch als dann im Bus ein aufdringliches Deutsches Touripaar mit Gewichts- und Körperbehaarungsproblemen gerade den freien Platz neben Peter als den Ihren ausmachen wollten, war die erste Grenze überschritten. Er schloss sich im Klo ein und rauchte erstmal eine Beruhigungszigarette, was nur nebenbei erwähnt auch noch den Feueralarm und Löschschaum in der WC Kabine auslöste, wodurch er lieber gleich ganz auf dem WC blieb. Als er dann allerdings an der Hotellobby erkennen musste, dass neben den beiden Touris Bruno und Helga, auch Sören-Uwe und seine Mutter, sowie den aufdringlichen Menschen vom Gepäckband auch noch seine Ex Freundin mitsamt ihrem neuen Freund dasselbe Hotel gebucht hatten, drehte Peter völlig durch und schmiss sein Gepäck durch die Gegend. Seitdem war er nie wieder im Urlaub und das ist jetzt wieder 5 Jahre her. Die Jury zog völlig zurecht 26 Punkte.
Martin Geier: Martin hatte einen Text über seine Arbeit dabei. Zunächst sinierte er über die Galeeren der Neuzeit, den Unternehmen, und darüber, wie trostlos doch alles sei. Nur wenn sein Engel der Arbeit erscheint, dann geht es ihm gut. Am Ende eines langen Tages verläßt Martin seine Arbeitsstelle und fährt mit dem Aufzug nach unten. Eine Frau in seinem Alter steigt zu ihm in den Aufzug. Die Frau im Anzug und der strengen Frisur kam ihm auch gleich bekannt vor. Klar, er konnte sich erinnern. 8.Klasse und blöde Sprüche ihrerseits. Die Ausgeburt der Hölle: Melanie! Damals hatte er nie den Mut oder die Kreativität, ihr Parolie zu bieten, doch die Chance, allein im Fahrtstuhl, die wollte er sich nicht entgehen lassen. Er überlegte wie er es ihr heimzahlen könnte. Sollte er ihr Kaffee über den Anzug schütten oder an den Ohren ziehen? Als er sich schon fast entschieden hatte, stieg sein Engel der Arbeit in den Aufzug und der Zorn verflog. Ein Austeilen wäre auch nur ein Eingeständnis der eigenen Schwäche. Die Jury sah das nicht so und hätte wahrscheinlich lieber ein für Melanie unlustigeres Ende besser gefunden, anders kann man die 17 Punkte nicht werten.
Dennis Langer: Bei den Texten von Herrn von Runkenstein ist es wunderbar, da muss man nicht viel mit skizzieren, da Dennis seine sämtliche Werke im Online-Archiv sammelt. Gestern gab er “HvR macht Extremsport”, “HvR fällt daneben” sowie “HvR entsort Atommüll” zum Besten. Da der letzte Text ein neuer Text war und ist, hier kurz die Entsorgungslösung für Atommüll: Als Beimischung in den 50 Millionen Impfdosen, die die Bundesregierung aus Anlass der Schweinegrippe beschaffen ließ. Die Hälfte der Zuschauer lag am Boden und der Rest schaute nur verwirrt. Entweder mag man seine HvR Texte oder eben nicht. Schön, dass Dennis dieses “Risiko” jedes mal eingeht. Die Jury gab 19 Punkte.
Almut Nitsch von Kerry: Almut hat den Sandmann rausgeworfen. Der wurde nämlich zu nervig und hat die gesamte Welt angekotzt. Außerdem hat er sich an die Kinder herangemacht. So ähnlich wie bei einigen Kirchenvertretern und ihren Konfirmanten, aber bei denen fällt das unter Nächstenliebe. Kreative Idee und sympathisch vorgetragen. Sah die Jury auch so und gab 23 Punkte.
Nach der Pause war Tilmann nochmal dran.
fp: Als Dichter, erst recht als Guter – was Tilmann eindeutig ist – ist man natürlich gut vorbereitet, wenn es darum geht, die ein oder andere Dame nach einem Slam für sich zu gewinnen. Er hat hierzu ein Gedicht geschrieben. Mit Variablen. Und er nennt es “Für Dich”. So beschreibt er jene Dame in den schönsten Formen, hält aber immer wieder inne, wenn er die einzelnen Variablen zu ihren Haaren, Augen, Brüsten und Hintern detaillisiert. Sehr gute Idee und wie immer prima performt. Dazu sein doch noch sehr jugendhaftes und charmantes Lächeln und leuchtende Augen und die Damenwelt im K4 lag ihm zu Füßen.
Dann kam ein Highlight des gestrigen Tages. Er erzählte uns eine mehr als kreative Geschichte. Er ist ein Foto und hängt an der Wand und grinst den lieben langen Tag. Aber er würde so gerne andere Dinge tun, geht aber nicht, weil er ja ein Foto ist. Beispielsweise juckt seine Nase, aber er kann sich ja nicht bewegen. Und seine Füße tun weh, vom rumstehen, obwohl sein Körper nur bis zur Hüfte geht. Und sein Format ist, obwohl drogenfrei, breiter als high. Darüber darf man dann auch kurz einmnal nachdenken. Zum Ende hin schafft er es dann doch zu tanzen und zu springen, weil in dem Augenblick ein Zug in einiger Entfernung vorbei fährt und somit der Tisch und die Wände anfangen ein wenig wackeln und er im Salto auf die Tischplatte fällt – mit dem Gesicht zur Platte. Danach hört man ihn nur noch gedämpft und er bittet, dass ihn jemand wieder an die Wand hängen möge. Niemand hört ihn – denn das Publikum klatscht frenetischen Beifall!
2.Teil
Frau Wortwahl: Es ist immer wieder schön, Susanne zu hören, wie sie einen Text vorliest. Ich will gar nicht wieder erwähnen, dass sie wohl die schönste Stimme im fränkischen Raum hat, wenn es darum geht, einem Text die notwendige Tiefe zu geben und das richtige Gefühl aus den Buchstaben zu erwecken. Ihr Text handelte von einem Erlebnis, das sie eigentlich als Liebesgeschichte vertexten wollte. Hat aber leider nicht geklappt, da sie nicht den Mut aufbrachte, den tollen Typen, der gerade an ihr vorbei ging und sie nicht beachtete, anzusprechen. Ein wie immer toller Text mit vielen tollen Sätzen. Schöne 23 Punkte.
Turnkey Facility: Ich habe mir – fällt mir mal so ein – noch gar keine Gedanken darüber gemacht, warum Felix einen derart komischen “Künstlernamen” benutzt. Ich gebe ja zu, es ist ein irgendwie komisches Gefühl, wenn man seinen real name hört, wenn dieser aus dem Hut (gestern war es eine Schüssel in Herzform) gezaubert wird, aber gleich so einen Nickname zu nutzen, ist schon komisch. Aber das muss ja jeder selber wissen. Sein Text “Bist du glücklich” war mal wieder einer aus der Reihe “deep shit” – wie Felix so schön sagt. Und Felix hat es m.E. gut verstanden, die einzelnen Abschnitte auch mal allein durch Stille gut miteinander zu verbinden. Er spricht verschiedene Personen an – mindestens zwei, so ganz sicher bin ich mir da nicht – ob sie denn mit ihrem Leben glücklich sind. Die erste Person könnte Paris Hilton als Patin gehabt haben. Sie wird geliebt aber nur ihres Geldes wegen und das hat sie auch nur, weil sie reiche Eltern hat. Dann wiederum erzählt uns Felix von einem Schichtarbeiter, der immer die gleiche monotone Arbeit verrichten muss. Karton kommt, roter Knopf. Hierzu zeigt er auch jene Handbewegung. Es passt zum Text. Er endet mit der Frage an die Zuschauer und an sich selbst, ob sie glücklich sind und verschwindet von der Bühne. Guter Auftritt und eine gewisse nachdenkliche Ruhe nahm das Publikum kurzzeitig in ihren Griff. Die Jury war aber nicht sonderlich ergriffen und gab nur 18 Punkte.
Ich möchte mich natürlich nicht – und das könnte ich auch nicht – als “Korrektor” betätigen, aber ich fände es wirkungsvoller, wenn Felix zuerst sich selber fragen würde, ob er glücklich ist. Dann eine kurze Stille. Dann sollte er das Publikum anschauen und es selbst fragen, ob es glücklich ist, um dann von der Bühne zu gehen und das Publikum mit der Frage allein zu lassen.
Diese Reihenfolge hätte für mich mehr “Spannung”.
Stefan: “Jeder ist sein eigener Freak” und Stefan ein ganz besonderer. Im positivem Sinne. Er macht sich in seinen 7 Minuten Gedanken über einen Aufkleber mit jener Beschriftung, der an seiner Tür klebt. Und es stimmt. Jeder ist nicht nur sein eigener Freak sondern sollte es auch sein. Sehr schön auch, dass Stefan des öfteren den Vortragsstil ändert und einfach “freakig” wird. Wenn man das mal so beschreiben darf. Er endet mit der Bitte ans Publikum, bei sich einmal näher hinzuschauen und nachzusehen, was aus einem selbst und seinem Freak geworden ist. Klasse Text. Einer der besten Texte, die ich in letzter Zeit gehört habe. Es gab zweimal die 10 und insgesamt 28 Punkte. Mögen die Powerranger mit ihm sein!
Finale
Peter: Peter sinierte über die Religionen und bemängelte, dass sich diese selber bekämpfen und so den Gedanken der Nächstenliebe ad absudrum führen. Daher gründet er einfach selber eine Religion: GEIL! Die Gemeinschaft der erleuchteten und intelligenten Lebewesen! Und bei ihm gibt’s nicht 10 Gebote sondern 10 “schön wär´s, wenn..”. Natürlich wäre es schön, wenn man nur ihn als Gott haben würde, wenn nicht, wäre das aber auch nicht schlimm. Man sollte natürlich nicht morden oder stehlen und schon gar nicht Sachen von ihm. Man dürfe ihn finanziell unterstützen oder auch mal zum Essen einladen. Das gäbe Pluspunkte auf dem Karmakonto. Vor allem sollte man über Dinge selber nachdenken und nicht nach dem Geschwätz der Anderen gehen. Man solle seinen Verstand nutzen. Denn dann hätten wir alle ein wunderschönes Leben.
Stefan: Stefan sinierte (das Top Wort in diesem Review) über Dinge, die sich wiederholen. Denn das Leben besteht nur aus Wiederholungen. Das Leben ist eine reine Wiederholung. Und Wiederholungen bestimmen somit unser Leben. Umso wichtiger sind die kleinen Dinge, denn die machen den Unterschied!
Die Wertung und Applausabstimmung des Publikum war eindeutig: Der Oktober Titel geht an Stefan Dörsing!
Der nächste Slam-Review dürfte vom 4 jährigem Jubiläum von “Reim in Flammen” aus Köln kommen, der mit einem atemberaubenden Line-up kurz vor Beginn des National Slams aufwarten kann. Sebastian23, Tobias Kunze, Scharri, Sulaiman Masomi und auch Franken ist vertreten: Clara Nielsen! Um nur wenige zu nennen. Und ich mittendrin – mit Stift und Moleskine. Und wenn es die Zeit erlaubt, wird es vor den Reviews zum National Slam in Düsseldorf – jeden Abend ein großes Review, so dass Ziel – auch ein große Review mit schönen Fotos (die macht dann Anja) vom Kölner Jubiläum geben. Ansonsten zwischendrin! Oder später. Mal sehen.
Bis dahin
Tobias
PS: Der obige Text wurde mehr als schnell heruntergetippt und ohne Korrekturlesen veröffentlicht. Er enthält versteckte wie offene grammatikalische Fehler wie satzbauuntypische Konstellationen, die bitte nachzusehen sind. Man kann eben nicht alles haben! Ansonsten frag deinen Arzt oder Apotheker! Vielleicht hat der ja was für deine Beschwerden.
