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21 12
1.000 Poetry Slam in Nürnberg!
Am 17.12.2009 fand ein weiteres Wortgefecht im Nürnberger Zentralcafe statt und es war, so hört man es aus allen Richtungen, ein sehr würdevoller und angemessener Abschied des Slamjahres 2009. Als Verfasser dieser Zeilen und als aktiver Teilnehmer kann ich dem nur zustimmen. Das line up hatte wirklich für jeden etwas zu bieten. Es war lustig, nachdenklich und spannend. Aber fangen wir doch vorne an, wie so oft und sinnvoll, mit dem featured poet.
Denn Sulaiman benötigte nur wenige Sekunden, um das Publikum auf den Abend einzustimmen.
fp: Sulaiman eröffnete das Wortgefecht mit zwei Texten, die ich mir aus rein egoistischen Gründen insgeheim gewünscht hatte. Zum einen “Willi”, einer/einem Text über eine/einen Typen, der Sulaiman und seinen Freunden Serge und Vitali aus einer brenzligen Situation hilft. Wollen wir hoffen, dass Sulaiman noch ein paar andere Freunde hat, die ihn mit guten Anmachsprüchen versorgen, so dass wir vielleicht irgendwann einmal in den Genuss von “Willi II” kommen werden. Dann kam “Ich weiß es” – einen Text, den man kennen sollte, da ich davon ausgehe, dass man ihn in 10 Jahren immer noch hören will. Sulaiman schreibt SMS an verschiedene Freunde und Bekannte: “Ich weiß es” – und ist teilweise mehr als überrascht, welch tiefen Abgründe sich vor ihm auftun, da sich die so Angeschriebenen versuchen für ihr Handeln zu entschuldigen – natürlich hatte Sulaiman keine Ahnung, als er diese SMS schrieb.
Erste Runde
Christian Ritter: Christian, der frischgebackene Vize-Meister aus Düsseldorf durfte oder musste als Erstes auf die Bühne. Christian hatte wie so häufig einen brandneuen Text mit nach Nürnberg gebracht: “Mädchen, da geht’s lang”. An einer Kreuzung wird Christian von einem Kleinkind nach dem Weg gefragt und beantwortet diese Frage auf einer gewissen Metaebene. Sollte sie die eine Abzweigung nehmen, dann wird sie beruflich sehr erfolgreich sein, reich werden aber einsam und verlassen und vor allem unglücklich sterben. Oder es nimmt eine andere Abzweigung, dann wird es gefeierter Slampoetrystar, kann sich vor männlichen Groupies nicht retten und schreibt mehrere Bücher und Gedichtbände. Aber auch hier wird sie am Ende am harten Slamgeschäft zerbrechen. Allerdings kann Christian seine Überlegungen nicht zu Ende führen, da sich das Mädchen in der Zwischenzeit aus dem Staub gemacht hatte – scheinbar hatte sie ihren ganz eigenen Weg doch schon gefunden. Es gab 24 Punkte.
Martin Geier: Martin hielt einen weiteren Text aus seiner Reihe “Kiffererlebnisse” bereit. Wir sind “live” dabei, wie sich Martin bekifft unter seinem Bett wiederfindet, auf dem gerade “die geilen Hühner vom Jockelhof” nachgespielt werden (meine eigene Interpretation) und er ganz langsam unter seinem Bett hervorkriecht. Dann bekommt er gerade noch mit, dass die Polizei im Raum steht, da die Nachbarn wegen Ruhestörung jene Beamten um Hilfe gebeten hatte. Da Martin weiß, dass es nicht gut käme, wenn er jetzt bekifft auf die Polizisten treffen würde, übergießt er sich mit der Bowle, da Alkohol als “weiche” Droge anerkannt ist. Es gab 18 Punkte.
Alex: Nach langer Zeit gab es in Nürnberg mal wieder einen Mitmachtext: Die Gäste sollten laut ein- und dann wieder ausatmen – auf Kommando – während Alex von seiner geheimen Liebe berichtete. Auch wenn ihm all seine Freunde von der “Braut” warnten, er könne nicht anders, als sie zu lieben: Seine Zigaretten – wobei man das erst im letzten Satz erfuhr. Es gab 15 Punkte
Regu M.: Regu war zum allerersten Mal auf der Slambühne – wenn ich das richtig verstanden hatte. Sie gab poetische Miniaturen zum Besten. U.a. Impressionen aus Indien, wo es eine Bibliothek gibt, deren Bücher über ein halbes Jahr brannten. Sie mahnte das vergessen an, es gäbe jetzt schon zuviele “weiße Flecken” auf unserer eigenen Landkarte. Ein schöner Satz zwischen vielen Sätzen: Das Einzige, was wir fassen können, ist das Jetzt! Es gab 16 Punkte.
Peter Parkster: Peter sitzt allein zuhause und schaut TV. Und ist unglücklich. Sehr unglücklich, denn das TV Programm ist mehr als bescheiden. Oli Geißen, Bauer sucht Frau, SAT1 Fun Freitag oder auch die SAT1 HitGiganten – dass alles und noch viel mehr treibt ihn dann schlußendlich in die Arme von Lucifer, denn für gutes Fernsehprogramm würde er sogar seine Seele verkaufen – was dann auch passiert. Lucifer, der aus Frankreich stammt, verspricht ihm das gute Fernsehprogramm und Peter läßt sich auf den Handel ein. So schaut Peter die letzten 20 Jahre seines Lebens WDR Poetry Slam. Jeden Tag. Nach seinem Tod kommt er in die Hölle und wird dort vor einem Fernseher gepackt: Es läuft allerdings nur der ARD Presseclub. Zu allem Überfluss hat Lucifer auch noch pflichtgemäß seine GEMA Gebühren bezahlt, so dass sich Peter nicht mal darüber freuen könnte. Es gab 25 Punkte.
Nach der Pause kommt noch einmal Sulaiman auf die Bühne.
fp: In “Ein Kanacke sieht rot” erzählt uns Sulaiman von einer Begegnung mit einem erbosten Deutschen Rentner an einer Ampel, die Sulaiman eigentlich bei rot überqueren wollte. Allerdings beschimpft der Rentner ihn als blöden Kanacken und dies nimmt Sulaiman zum Anlass, dem Rentner mal die Leviten zu lesen – von wegen Kanacken und so. Er sei schließlich Afghane! Er beschließt seinen Auftritt mit “Ich, der vergesslichste Typ, an den ich mich erinnern kann”. Sulaiman sitzt in einer Selbsthilfegruppe gegen das Vergessen – und erlebt vieles zum ersten Mal. Immer wieder. Sehr lustig. Am Ende findet er seine Liebe fürs Leben und seitdem kann er sich wieder erinnern.
Zweite Runde
Moi meme: Leider konnte ich nicht ansatzweise meinen Text “Was die Welt im Innersten zusammenhält” so rüberbringen, wie ich es vor dem Slam eingeübt hatte. Da hatte es noch funktioniert. Egal. Ein paar Strophen sollte ich mir nochmal anschauen und ggf. umschreiben. Beim nächsten Mal klappts besser. Und wenn nicht, ist auch nicht schlimm. Nach dem Slam kamen sogar Menschen auf mich zu, die meinten, dass sie den Text aus der Reihe “literarische Antworten auf die Fragen der Menschheitsgeschichte” – Verweise auf Faust I + II – gar nicht mal so schlecht fanden. Schön zu hören. Es gab 20 Punkte.
Mischa-Sarim: Der Bielefelder unter den anwesenden Westfalen hatte einen Text für all diejenigen dabei, die bereits schonmal gewisse Jubiläen vergessen hatten. Auch er gehört zu jener Sorte. Und dann erzählt er uns, was er machen täte, wenn er diese Jubiläen nicht vergessen würde – also romantisch wäre. Und das ist eine ganze Menge. Schlußendlich würde seine Freundin aber nach all seinen Bemühungen freudig lächelnd antworten, dass es Blumen auch getan hätten. Es gab 26 Punkte.
Steffen Pietzonka: Steffens gereimter Text “Bild dir deine Meinung” hörte sich sehr sympathisch an, aber ich muss zugeben, dass ich da mit anderen Gedanken beschäftigt war und kaum zugehört habe. Sorry for that! Es gab 19 Punkte.
Finale
Peter: Peter erzählte von einem Weihnachten in einem Mietshaus – Etage für Etage und nahm dabei das gesellschaftliche Miteinander kritisch auseinander.
Mischa-Sarim: Mischa erzählte uns, warum er nicht nur vor Frauen sondern auch vor Spinnen Angst hat. Und seine Mutter sei mal definitiv nicht daran schuld!
Die Abstimmung gem. Applausometer (Michl, Martina, junge Dame aus dem Publikum) hatten einen eindeutigen Sieger des Abends gefunden: Peter!
Herzlichen “Glückwusch”!
In diesem Sinne allen Slampoeten ein fröhliches Weihnachtsfest und bis zum nächsten Wortgefecht im Jahre 2010!
Euer Tobias
Die wunderbaren Fotos sind mal wieder vom lieben crosa. Rechte verbleiben natürlich zu 100% bei ihm – auch wenn sie unter einer CC Lizenz veröffentlicht sind. Super, dass wir so einen guten “Haus- und Hoffotograf” im Verein haben!
Wer wissen will, wie Mischa von vorne aussieht – also so, dass man etwas erkennt – der sollte sich das flickR Album von crosa (o. verlinkt) unbedingt anschauen – es lohnt sich!
* die 1.000 Poetry Slams enthalten freilich u.a. auch die bereits im Mittelalter abgehaltenen “Meistersingerwettstreite” und ähnliche Veranstaltungsformen.
4 Antworten to “1.000 Poetry Slam in Nürnberg!”
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crosa sagt:
21. Dezember 2009 um 06:13Wie immer perfekt wieder gegeben. Für mich nochmal so ein kleines Fastforward des Abends, einige Tage danach
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Mischa sagt:
22. Dezember 2009 um 02:12Verdammt! Und ich versuche schon so gut es geht, mein Gesicht hinter möglichst vielen Sachen zu verstecken!
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Tobias sagt:
22. Dezember 2009 um 08:27Tja .. und genau für solche Fälle haben wir den VIP-erfahrenen crosa .. der weiß eben, wie er seine Modelle ins rechte Licht rückt – ohne das sie etwas dagegen tun können … ;o)
Sei doch froh, dass wir nicht “intimen” Fotos von der Party danach veröffentlichen .. hehe
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Mischa sagt:
29. Dezember 2009 um 08:35Hehe. Zum Glück
