20 01

Katastrophentourismus

Folgen Sie mir bitte kurz mit Ihren Gedanken in die Welt des Straßenverkehrs. An einer engen Kurve auf der A7 Höhe Göttingen hat es ein Autofahrer geschafft, seinen Wagen auf die Leitplanke zu setzen und nun steht er dumm daneben. Der ADAC ist auch schon da und zusammen ruckeln sie am Auto so lange herum, bis man den Wagen wieder zurück auf der Straße hat. Außer ein paar Schrammen an der Leitplanke sowie am Auto ist eigentlich nicht viel passiert. Der Gegenverkehr hat dieses Ereignis auch nur am Rande zur Kenntnis genommen und ein Stocken des Verkehrs konnte nicht beobachtet werden.

Zur gleichen Zeit auf der A1 Höhe der Elbbrücken in Hamburg wird ein kleines Fahrzeug von einer Windböe erfasst und gegen einen Pfeiler geworfen. Der Wagen wird in zwei Teile zerfetzt und die Insassen aus ihren Wagen geschleudert und liegen nun am Fahrbahnrand. Die Rettungskräfte kommen aber nur schwer voran, da sich bereits mehrere Staus gebildet haben, die eine unkomplizierte Einleitung der Rettung erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen. Die sogenannte Rettungsgasse wird nicht eingehalten, warum auch, man will ja voran kommen. Auch der Gegenverkehr kommt ins Stocken und dann zum stehen – genau auf der Höhe des Unfalls. Es wird gegafft und geschaut und dann sich über den Stau geärgert, der sich vor ihnen gebildet hat. Man wollte doch nur schnell zur Oma einen Kaffee trinken und Oma mag es gar nicht, wenn man zu spät kommt. Schon eine geschlagene Stunde zu spät! Das wird Ärger geben. Die Welt ist echt ungerecht.

So eine Situation spielt sich wohl des öfteren auf deutschen Autobahnen ab. Ist der Unfall eher geringer Natur und ein Großaufgebot von Rettungskräften ist weit und breit nicht zu sehen, fließt der Gegenverkehr fast ohne Probleme weiter. Ist der Unfall allerdings größerer Natur, diverse Rettungskräfte sind vor Ort oder begeben sich dort hin, dann stockt der Gegenverkehr und man erkennt den Voyeuristen im Autofahrer.

Um beim obigen Beispiel zu bleiben, einen Ole von Beust sieht man dahingehend, insofern er nicht selber am Unfall beteiligt ist, eher selten an derartig verunfallten Wagen stehen und auch Frau Merkel wird wohl nicht eine Ministerkonferenz verlassen, nur um schnell den nächsten Hubschrauber zu bekommen, der Frau Merkel zu den Elbbrücken in Hamburg fliegen wird. J.B.K. wartet zwar, aber vergebens. Merkel und Co werden nicht erscheinen. Und das ist auch richtig so, denn die Bewältigung dieser Situation sollte den Profis überlassen werden.

Jetzt verlassen wir kurz Hamburg und Deutschland, ja sogar Europa und setzen über den großen Teich und landen gedanklich auf Haiti. Mir ist wohl bewusst, das der Vergleich natürlich hinkt, aber was mich bei derartigen Katastrophen zumeist irritiert zurück lässt, wenn man mal die gesamte Katastrophe ansatzweise verstanden hat, dass unmittelbar nach der Katastrophe hohe politische Würdenträger die Beine in die Hände nehmen, um sich mal ein Bild vor Ort zu machen. Wenn dies einheimische Minister tun, kann man dies vielleicht noch nachvollziehen – wobei ich das als nicht notwendig erachte. Direkte und schnelle Hilfe wären mir als Opfer deutlich lieber als ein Händeschüttelnder politischer Würdenträger, der einen Schlepptau an Journalisten mit sich führt, die dann in den kommenden Tagen darüber berichten, dass sich der Minister XYZ “persönlich um die Sicherstellung der angemessenen Hilfe kümmert”. Aber warum muss eine US Außenministerin (nur mal als Beispiel) in ein Krisengebiet fliegen? Hände schütteln, betroffen in die Kameras schauen und Hilfe versprechen – dass könnte man auch von New York aus. Aber auch Bill Clinton reist nach Haiti und bringt gleich noch seine Tochter mit, auch er will die humanitären Hilfsmaßnahmen persönlich überwachen. Und Bill Clinton tut dies nicht nur weil er UN Sonderbeauftragter für Haiti ist, nein, die Clintons tun dies auch, weil sie eine persönliche Beziehung zu diesem Land haben. Vor 35 Jahren haben sie in Haiti ihre Flitterwochen verbracht und sind seitdem immer mal wieder zurückgekehrt. Na wenn das keine Gründe sind, sich einmal die Lage vor Ort anzusehen, dann weiß ich es auch nicht.

Mir will doch niemand ernsthaft erzählen, dass ein Bill Clinton in seinem UN Büro auf gepackten Koffern sitzt, in denen neben frischer Unterwäsche auch Rettungspläne, Einsatzvorgaben und einer Auflistung notwendiger Aktivitäten für jedweges Katastrophengebiet dieser Welt liegen, nur um dann in ein ebensolches Gebiet zu fliegen, sich kurz die Lage vor Ort anzuschauen, dann diese Lage anhand einer hochkomplizierten mathematischen Formel zu berechnen und auf dieses Ergebnis begründet einzuordnen. Dann sucht Bill Clinton nach jenem Katastrophenschlüssel und arbeitet die Arbeitsliste für jenen Katastropheneinsatz Punkt für Punkt ab. Vorher passiert da nichts, ehe Bill Clinton und Co nicht ganz persönlich die Leitung vor Ort übernommen haben.

Wer glaubt dass denn bitte schön? Also was machen diese “Würdenträger” in solchen Katastrophengebieten? Das es sich hierbei nicht um einen Urlaub handelt oder um eine angenehme Situation für jenen Träger politischer Macht, ist mir auch klar, aber wieso reisen diese Berlusconis dieser Welt in ein solches Gebiet, versprechen schnelle und unbürokratische Hilfe, lächeln in die bereitwilligen Kameras – während sie Opferhände schütteln – und verschwinden dann wieder in ihre “Paläste”. Und von den Opfern hört man dann des öfteren, dass von der versprochenen Hilfe nicht viel angekommen ist und man jene Politiker auch danach nie wieder gesehen hat. Aber ist ja auch klar, da jene Politiker sich dann in anderen Katastrophengebieten dieser Welt herumtreiben und in die Kamera jene Worte sprechen, die ich in solchen Fällen nicht mehr hören kann:

“ich werde die humanitären Hilfsmaßnahmen persönlich überwachen!”

Ich habe wirklich manchmal den Eindruck, dass man nur vor Ort erscheint, weil man weiß, das es von einem vielleicht erwartet wird – aber zumindest gute Presse(fotos) gibt. Wirklich etwas bewirken, können (und wollen) die Wenigsten.

Nur gut dass es für eine echte Katastrophenhilfe auch echte Profis gibt. Auch jene Hilfsorganisationen senden Vorauskommandos, aber jene sind wirklich vor Ort, weil sie die Lage richtig einschätzen müssen, um angemessen Hilfe leisten zu können. Es ist nur komisch, dass jene Organisationen sich des öfteren darüber beklagen, dass sie nur schwer ins Katastrophengebiet gelangen können. Das ist nicht komisch, sondern ärgerlich und schlimm für diejenigen, denen geholfen werden soll. Komisch an der Sache ist, dass man von jenen Politikern derartige Aussagen eher selten bis nie hört. Sie sieht man winkend aus einer Regierungsmaschine steigen und in die Kameras lächeln. Der Flughafen ist zumeist für sie gesperrt worden, damit sich jene Personen ungehindert einen ersten Eindruck vom Geschehen machen können. Es fahren gesonderte Kolonnen durch das Krisengebiet – auf “nahezu freien Straßen” – um ungehindert von a nach b gelangen zu können. Also ich habe noch nie gehört, dass ein politisch gesandter Würdenträger stundenlange Umwege nehmen musste, damit er sein Pressefoto am Ort des Geschehens bekommt.

Von stundenlangen Umwegen und Tagestripps für Strecken, die sonst in 2/3 Stunden zu bewältigen gewesen wären, hört man indes von den Hilfsorganisationen.

Ich kann nur hoffen, dass diese Eindrücke nicht ursprünglich und ursächlich miteinander zu haben.

Tobias

Die beiden im Text verwendeten Fotos sind vom flickR user UN_Photo und unter einer entsprechenden CC Lizenz freigegeben. Ich finde, dass erste Foto zeigt genau, was ich meine: Bill schüttelt Hände und im Vordergrund sieht man das wahre Elend dieser Katastrophe, welche sich durch sein Händeschütteln leider auch nicht einfach so in Wohlgefallen auflöst. Ein sehr makaberes Foto, wie ich meine.

Mir ist immer schon bewusst, dass mein obiges Bild bezugnehmend auf die Hilfsorganisationen und der politischen Prominenz etwas verzerrt ist, aber mich regt das auf. Zum einen hört man von Problemen der Hilfsorganisationen, ins Krisengebiet vorzudringen und andererseit schüttelt ein Bill Clinton seelenruhig Hände am Flughafen von Port-au-Prince oder dergleichen. Mich regt sowas echt auf!

Tobias Unter: Gedanken im Wartestand // // Tags: , , // 0 Kommentare



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