22 01
Das Wortgefecht im Januar´ 10
Das alte Jahr ist rum und das aktuelle Slamjahr biegt auch schon wieder auf die Zielgerade ein und es wird so langsam richtig heiß. Der Highlander ist bereits in Sichtweite und die Poeten geben sich momentan die Reiseklinke in die Hand – ein Lineup, wie das gestrige, hat man nicht oft. Dafür war der Zuschauerstrom gestern eher zurückhaltend. Schade, jeder, der gestern lieber zuhause geblieben ist, wird sich hoffentlich schwarz ärgern.
Wobei auch unsere Freunde vom Doppelpunkt ihren Beitrag dazu leisten – wie schon fast automatisch stehen wir dort mit einem Beginn von 21 Uhr. Aber egal was die auch schreiben mögen, Beginn ist immer um 20 Uhr – wäre schön, wenn sich dass auch mal in den Redaktionsräumen jenes Kulturblättchens rumspräche. Gestern betraf es knapp 20 Leute, die sich hier auf den Doppelpunkt verlassen hatten.
Nichtsdestotrotz war es gestern mal wieder eine ausgelassene Stimmung unter den Zuschauern, denen Slampoetry vom Feinsten serviert wurde. Da könnte selbst ein Promidinner mit Marcel Reich-Ranicki einpacken. Wie immer führte “uns Michl” gekonnt sympathisch durch den Abend, zog uns die Poetenfee Anna eine bombastische erste Hälfte und der Slammaster des Wortgefechts versorgte die Zuschauerschar mit rockiger Rockmusik rockiger Güte.
Aber nicht nur das Lineup sondern auch unser gestriges Rahmenprogramm konnte überzeugen bzw. ließ träumerische Augenaufschläge bei den Gästen des Wortgefechts zurück: Das lyrischer Liederluder Johanna Moll hatte neben ihrem Hartz5Orcherster auch ihr Piano dabei – sowie träumerische Chansons aus der Mitte des Lebens.
Zunächst erzählte und sang Johanna von einer kleinen Stadt im Nichts – und ihr Orcherstermann blies durch das Saxophon. Sie erzählte von der Idylle der Gesellschaft und von einer Stadt, in der nichts passiert. Keine Menschen auf den Straßen, die Fabrik ist schon seit Jahren dicht. Und natürlich schwärmen jene dort lebenden Menschen melanchonisch von früher und schimpfen über die Zeit – aber wegziehen wollten und werden sie nie. Alles geht seinen Weg – jahrein und jahraus. Und abends trinkt man in der Kneipe einen Schnaps. Dann kam noch ein felliger Hamster zu Wort, der lieber in seinem sicherem Gehäuse bleibt und die Freiheit meidet, da es dort einfach zu gefährlich ist. Er mag sein Haus, sein Laufrad und sein Leben – warum sollte er woanders hingehen?
Dann zog uns Anna folgende Reihenfolge:
1) Neftalie: Der langhaarige Hiphopsprechgesangpoet der fränkischen Langhaarslamszene – wobei mir jetzt nur noch der liebe Martin einfiele, der in diese Reihe passen würde. Was die Haare angeht. Neftalie bot uns, aber vor allem seiner Freundin, einen gefühlvollen Text im Sprechgesang über die zwei wunderbarsten Jahre in seinem Leben – eben mit seiner Freundin. Sie hatten scheinbar sowas wie ein Jubiläum und Neftalie erzählte uns oder sollte man sagen, monologisierte vor sich und der Welt hin, was er an ihr schätzt und warum er sich wundert, dass sie gerade ihn ausgewählt hat. Das muss wahre Liebe sein. Sehr schöner Schlussgedanke: Nach 2 Jahren steht es fest – you are all the best! Wertung: 78889=24
2) Steffen: Freaks – wo seid ihr, ihr werdet gebraucht! Steffen ist auf der Suche nach den Freaks, den Anderen, den Nichtangepassten in der Gesellschaft. Den Nerds und nach den Menschen, die sich mit oder ohne Narkose ein Prince Albert stechen lassen. Autsch! Schlussendlich nach den Menschen, die hinter den Fassaden der eigenen Maske wunderbare Menschen verstecken, weil es die Gesellschaft vielleicht verlangt oder der Job oder die eigene Angst, versagen zu können, wenn man sich so verhielte, wie man es innerlich eigentlich würde, es einem vorschreibt. Steffen mahnt die Freaks an, den Kopf hoch zu tragen, denn spätestens, wenn das System der Pauschalität versagt, wird die Gesellschaft die Freaks benötigen. Wertung: 78676=20
Und nun kam es ganz dicke:
3) Felix Römer: Felix erzählte uns von einer seiner Eigenschaften, er ist nämlich ziemlich langsam, wenn es darum geht, sein Herz zu öffnen. Er gab uns ein Beispiel: Eine Frau beschwerte sich mal bei ihm, dass sie ihm ihr Herz in seine Hand gelegt hätte. Wie ein kleines Bäumchen – er sollte sich darum kümmern und dafür sorgen, dass es wachse. Doch Felix hatte es verdorren lassen. Felix widersprach ihr allerdings, denn sie hatte ihm ihr Herz eher ins Gesicht geworfen, wie ein rohes Stück Fleisch und es war dann verwest. Sein zweiter Text behandelte eine Person, die wohl in fast jedem Freudeskreis einmal vorkommt: einen Jammerlappenfreund. Einer, der immer was zu meckern hat und dem urste Probleme den Tag vermiesen. Und seine Probleme sind die Probleme der ganzen Welt. Aber irgendwann ist es auch mal gut, findet Felix, und daher sagt er seinem Jammerlappenfreund mal so richtig die Meinung – da wo du bist, bist du selber hingegangen – und am Ende empfiehlt er ihm einen Strick. Rumgehangen habe er ja nun auch lang genug. Wertung: 99999=27
4) Micha el-Goehre: Der Blackmetallslampoet aus Bielefeld (gibt’s ja gar nicht) berichtete uns von einem Tag aus dem Lebens eines Blackmetallhörers. Nachdem aufwachen bemerkt man zunächst, dass man wieder vergessen hatte, sich abzuschminken, aber -die Message an die Welt da draußen – das ist true! Und true sein, ist für einen Metaller urst wichtig. Dann muss man erstmal einen schwarzen Kaffee trinken. So richtig schön heiß und vor allem schwarz. Jean-Luc Picard von Sinnlos im Weltraum hätte wohl seine Freude dran! Dann feiert man schwarze Messen und wirft sich in sein schönstes, blutverschmiertes Outift, packt seine Lieblingsaxt ein und betritt die öffentlichen Verkehrsmittel. Natürlich wird man komisch beäugt, aber das will man ja. Dann steigt man an seiner Haltestelle aus, verschwindet im Gebüsch und zieht sich seine Buisenessklamotten an und verkauft Versicherungen. In Freiheit befindet man sich erst wieder nach dem Feierabend und – wenn es ganz gut läuft – auf einem Blackmetallkonzert. Auf einem Konzert einer Band, dessen Name man nicht aussprechen kann, da zuviele X und Z vorkommen. Und zwischendrin befinden sich auch noch andere wunderbare Buchstaben, wie das Y. Man reißt Bräute auf, indem man sie anschreit und abends vergisst man wieder, sich abzuschminken. Aber hey, das ist true! Wertung: 10108810=28
5) Frank Klötgen: Frank mit einem Liebesgedicht für Männer für Situationen, die man mit “hey, ich hab dich immer noch lieb” umschreiben könnte. Nur verhält es sich manchmal so, dass der Anspruch der Angesprochenen und die Wirklichkeit des gesagtem, nicht immer kompatibel sind. Ein wahrlich guter Text mit vielen schönen Wortfolgen und wie immer sonderextraklasse vorgetragen. Ich denke, Frank hat es so gut hinbekommen, dass sich fast jeder vorstellen konnte, wie es aussah, als “er” seine Nasenlöcher über “sie” stülpte oder sie sich unter seinem Ohr gemütlich machen sollte – da sei es schön warm und heimelig. Wertung: 899108=26
Was ein Dreierpack in a rowe!
PAUSE
Zum Beginn der zweiten Hälfte saß Johanna alleine mit ihrem Piano auf der Bühne. Sie sang von einer Bar, in der sie einen Cocktail nach dem anderen schlürfte und von ihren Gedanken, nie einen Mann zu finden. Ihre Freundinnen erzählten immer von derartigen Geschichten, die ihr aber nie passieren. Doch dann bemerkte sie, dass sie ein Mann beobachtete. Sie reagierte nervös, ging erstmal auf die Damentoilette, um ihre Schminke zu checken. Doch dann begann das grübeln. Hat der Mann da auch wahre Absichten oder ist es nur ein Triebtäter, der sich sie als neues Opfer ausgesucht hat? Da sie es nicht ausprobieren mag, stürmt sie lieber aus der Bar, nimmt das nächste Taxi und fährt heim. Nun hat sie auch mal was interessantes zu erzählen, nämlich, dass sie beinahe vergewaltigt worden sei. Die Art und Weise, wie Johanna diese Geschichte phonetisierte und wunderbar besang, erinnerte mich an Ina Müller – sehr cool und jazzig. Zum Abschluss gab es noch ein Lied über ein Mädchen mit einem rosa Höschen. Sie wäre so gern Dornröschen, aber der Prinz, auf den sie wartet, kommt einfach nicht. Und sie fragt sich, wann es denn endlich mal wie im Märchen wäre. Sie warte doch schon so lang.
6) Turnkey Facility: Der Hausmeister der fränkischen Slamgebäudebewirtschaftung hatte mal wieder einen Text aus der Reihe “deep shit” dabei – wie er so gerne formuliert. Sein Text “müde” beschrieb sein Gefühl der eigenen Lebensmüdigkeit, er stünde am Abgrund und sei des Lebens müde. Er sei eben kein up-to-date Typ, er brauche nunmal die Ruhe und den Stillstand. Aber wie verrückt kann man sein, die Zeit zu bitten, stehen zu bleiben – wahrlich ein schöner und zugleich verrückter Gedanke. Ein passender Vortragsstil mit entsprechenden Pausen und einer guten Betonung. Wertung: 76867=20
7) Jonathan Baumgärtner: In seinem Text aus seiner Reihe “Nachststücke II” (er schreibt diese Texte nachts) ging es um manisch depressives in umgekehrter Reihenfolge. Er befindet sich am Ende der Welt und bittet die Welt, ihn, den Tagträumer, träumen zu lassen. Er reiße nummal gerne Mauern ein, um sie dann wieder aufzubauen! Wertung: 78678=22
8.) Arne: Arne, der Stalker unter den U20 Poeten Frankens. Bis vor kurzem dachte er noch, er sei ein akzeptabler Zeitgenosse, aber seitdem ihm seine beste Freundin vorgeworfen hatte, er sei ein Stalker, kam er ins grübeln. Und es stimmt. Das fing schon mit der Spionausrüstung im Y-Heft an. Und vollende sich in den Stalker-Aps und Jambo-Abos. Selbst bei ICQ geht er immer nur unsichtbar online und er schaut sich jeden Tag mindestens 5 meinVZ Profile an, bleibt aber immer annonym. Und bei meinVZ erfährt man alles über jene Personen. Und zu guter Letzt, ist sein Lieblingsgeschäft kein CD Laden sodern ein Fachgeschäft für Ferngläser. Wertung: 77768=21
9) Billy Reuschel: Die Slamhure aus Bayreuth nutzte für seine Botschaft ein Zitat aus der Bibel. Mein Name ist Legion, ich bin grausam und böse. Mein Name ist Legion und ich bin sehr viele. (Original: “Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele. Markus Evangelium, MK 5 Vers.9). Und wie böse er ist, wollte er uns an Beispielen verdeutlichen. Beispielsweise sie er das letzten Blatt Klopapier, das einem anlächelt und einem sagt, dass es nie und nimmer reichen wird. Er ist DJ Bobo, ein Aufzähltext, die Junge Union und der Papst. Die Dunkelheit im Kinderzimmer und das Monster unterm Bett. Der Jammerlappenfreund. Dann eine der besseren Bezüge auf bekannte und beliebte Slamtexte: Er hat das Bread Pitt gegessen und nichts übrig gelassen. Er ist die Lyrik, die niemand versteht. Fazit: Sein Name ist Legion, er ist grausam und böse und er ist viele! Wertung: 88888=24
Finalrunde
Felix Römer: “Wie ich beinahe wie die anderen geworden wäre!”
Micha el-Goehre: “Edwin geht steil!”
Es gab einen verdienten Doppelsieg, auch wenn ich der Meinung bin, eine Tendenz in der Lautstärke des Applaus gehört zu haben. Egal, so sehen wir vielleicht beide demnächst beim Highlander wieder. Hat ja auch was für sich!
By the way: Da ich gestern des öfteren auf den neuen Wortgefecht-Jingle – quasi unser Audiologo – angesprochen wurde, hier das Stück als youtube Video. Nennt sich “BIG WHITE LIMOUSINE” und ist von Scott McLean. Zu finden sind seine musikalischen Hörgenusse u.a. über jamendo.de.
In diesem Sinne .. rock on!
Tobias
euer Slammaster Wortgefecht
6 Antworten to “Das Wortgefecht im Januar´ 10”
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DieHolde sagt:
22. Januar 2010 um 03:38Das war kein Saxophon… sondern eine Posaune!
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Tobias sagt:
22. Januar 2010 um 04:52… das sagte mir deine bärtige Hälfte auch schon ..
Und ich muss euch wohl recht geben … aber nur, weil heute Freitag ist! Und ich scheinbar noch weniger Ahnung von musikalischen Instrumenten habe, wie ich dachte …
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DieHolde sagt:
22. Januar 2010 um 09:31… das heißt “…,als ich dachte…” *klugscheiss mode off

Ich wünsche ein schönes Wochenende!! -
lilli sagt:
22. Januar 2010 um 10:59wenn ich mich richtig erinnere hat felix römer seinem freund am ende empfohlen ein messer zu nehmen und den strick durchzuschneiden, an dem er hängt. es kam doch auch im text immer wieder sowas vor wie, er beschwert sich dass der strick zu eng ist, aber den hat er sich selbst angelegt. also ich hab das so in erinnerung und hoff sehr dass das stimmt, sonst is der text nämlich gar nicht so gut wie ich dachte…
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Tobias sagt:
22. Januar 2010 um 15:38.. was mein Spamfilter so alles durchlässt … ist schon die wahre Pracht ..
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Tobias sagt:
25. Januar 2010 um 00:20Könntest recht haben .. wenn ich so darüber nachdenke, macht das auch mehr Sinn ..
Ab sofort schreibt die Lilli hier immer die Reviews ..
