40.Nürnberger Poetry Slam, 17.02.2010

Feb 18th, 2010 | By Tobias | Category: Poetry Slam

Wer gestern nicht unter den Massen an begeisterten Slambesuchern war – mutige Analysten von Goldman&Sachs sprechen von nahezu 160.000 zahlenden Literaturinteressierten – der hat was verpasst. Denn es war mal wieder ganz hervorragend. Wie eigentlich immer in letzter Zeit. Und auch davor. Das K4 platzte zwar nicht aus allen Nähten aber dennoch war es schön voll und kein Platz mehr frei. So sollte es sein, wenn sich Frankens Slamkünstler mit nationalen Poeten messen, um im Wortgefecht den Besten des Abends untereinander auszumachen.

Flankiert wurde der gestrigen Abend durch das Team Tübingen, Harry Kienzler und Jakob Nacken, unserem lieben Michl am Moderationsmikro, dem Thomas an der Bar, zwei Helfern am Eingang (Nicole und Peter) sowie dem womöglich bestaussehensten Slammaster der nordwestlichen Erdkugel an der technischen Umsetzung melodischer Untermalung des Abends. Wenn er sich denn mal rasieren würde! Macht er aber eher selten.

Nachdem Michl eine bezaubernde Poetenfee ermittelt hatte – Guwen/Gwen oder ähnlich – enterten Jakob und Harry die Bühne, um den Abend gebührend zu beginnen.

Team Tübingen: Den ersten Text der beiden zusammen zu fassen, fällt mir sehr sehr leicht. Ich verweise nämlich einfach auf jenes Video und erwähne noch beiläufig, dass es sich hierbei um den ersten Text aus dem Teamfinale des SLAM 2009 in Düsseldorf handelt, welches sie als Vizechampions beendeten. Ein Dichterwettstreit zwischen Goethe und Schiller. Slampoesie auf hohem Niveau. Ich fand den Text in Düsseldorf schon echt klasse, aber gestern war das Nürnberger Publikum derartig geflasht, dass der gesamte Abend davon profitierte. Nicht weniger niveauvoll auch ihr zweiter Text. Diesmal vom SLAM 2008 in Zürich. Ihr Zahlentext – erst wird Jakob dauernd von Harrys Stimme unterbrochen, der scheinbar chaotisch angeordnete Zahlen von sich gibt aber am Ende verbinden beide Wort und Zahl zu einem Ganzen. Einzigartig gut! Denn Zahlen und Worte sind eins. ACHTung ein Beispiel: Das wars schon! So einfach – so gut! Oder um es mit Heiners Worten aus seinem Blog (zum SLAM 2008) zu sagen: “Unglaublich gut. Geniale Idee, perfekt umgesetzt. Vor Freude explodieren Blumen in meinem Körper. Wahnsinn. So gut. Soooo SAUGUT! Unvergesslich! Hut ab, Chapeau, Heureka, Bravo, Kniefall, Glückwunsch – BINGO!” Da wir uns hier nicht bei Helene Hegemann befinden sei auf jene Quelle verwiesen. Ich persönlich hatte den Text gar nicht mehr so groß in Erinnerung – fand ihn aber wieder ganz priml – um es mit Kommissar Kluftinger zu sagen.

1.Runde

LeaCatherineChevalier: Was ein Name -oder? Da war aber mal jemand kreativ. Oder die Eltern hatten ein Händchen für die beiden Vornamen. Das hatte ich gestern ganz vergessen zu fragen. Aber sie wird sich sehr wahrscheinlich eh in den Kommentaren verewigen, da ich ihr schon “angedroht” habe, dass ich ihrem Text irgendwie nicht zu 100% folgen konnte. Aber wie heißt es so schön: When you don´t understand the poem, feel it! Und vom Feeling her hatte ich ein gutes Gefühl. Lea war gestern das erste Mal auf einer Slambühne. Und man merkte ihr dies – wenn überhaupt – nur während der ersten zwanzig Sekunden an. Danach hatte sie ihren Text, die Bühne und das Publikum im Griff. Wobei sie das Publikum eh schon überzeugt hatte, als sie meinte, dass sie den Text nachts nach einem Besuch des Rock n´ Park Festivals geschrieben habe. Inhaltlich ging es m.E. darum, dass sie der verlorenen Jugend nachtrauert. Auf zwei Ebenen. Einmal ihrer eigenen Jugend. Sowie zum zweiten der Jugend ansich, die sich mehr für Spritzen und Alkohol interessiert als für die wichtigen Dinge im Leben. Auf alle Fälle fand ich die Betonung und die dezent eingesetzte Performance sehr stimmig und sympathisch. Vor allem hat sie keine Bedenken entsprechende Pausen in ihren Vortrag zu legen – und die wirkten. Es gab zurecht 24 Punkte (68898).

Regu M.: Ihre Texte lassen sich immer sehr schwer zusammenfassen, da ich persönlich keinen eigentlichen roten Faden erkennen kann. Was vielleicht aber auch daran liegt, dass ich schräg hinten von der Seite zuhöre und – um es mal mit dem Formationstanzsport zu vergleichen – von der Seite lassen sich eher selten die Bilder und Choreographien erkennen. Ich bitte dies zu entschuldigen. Am Anfang begann sie mit einem Monolog über den Unsinn, den niemand haben will und dass er somit obdachlos sei, da er keinen Wohnsitz hat. Weiter konnte ich ihr leider nicht folgen. Die Jury hatte hier scheinbar auch ein paar Probleme. Es gab 19 Punkte (75757).

Carmen Wegge: Die Münchener U20 Finalistin beim SLAM 2009 in Düsseldorf hatte mich “damals” schon beeindruckt und ein wenig geflasht. Ich finde, dass sie eine sehr sympathische Art und Weise hat, diesen “mädchentypischen Slamstil” rüber zu bringen. Das meine ich im positivsten aller Interpretationsmöglichkeiten. Auch hier benötige ich keine meiner Aufzeichnungen, denn, auch ihren Text kannte man schon, wenn man beim U20 Finale live vor Ort war. Hier das Video. Das Nürnberger Publikum und erst recht die Jury empfand es ähnlich: Es gab 26 Punkte (99798).

Grög!: Grög, der sympathische Tausendsassa aus München rappte und kochte uns ein leckeres Mahl. Denn es gibt, neben Karnevalsjecken – “ihr seid dicht, aber ich bin Dichter” – nur noch zwei Charakterfiguren, die er ganz besondern “hasst”: Gangsta-Rapper und Menschen in Kochsendungen. Und er verband beides zu einer rappigen Kochrezepteanreihung von kritischen Sätzen. Der Gang – sprich: Gäng – sah wie folgt aus: Thunfisch Carpaccio, Salat, Rehbraten, Tiramisu. Und auch der Jury schmeckte es ganz hervorragend: Es gab 26 Punkte (997108).

Steffen: Unser kritisch-poetisch angehauchter Forumsadmin hatte eine Text parat, den er mit den drei Worten “Gedanken über Floskeln” umschrieb. Denn seiner Meinung nach, verstecken sich viel zu viele Menschen hinter allgemeinen Floskeln. Er verdeutlichte dies am Beispiel der Allerweltsfrage “Wie geht’s dir”. Hier haben in vielen Fällen die Fragesteller kein echtes Interesse am Wohlbefinden der Befragten. Und das findet er schade. Er ist nicht so. Aber in vielen Fällen beantworten die Befragten jene Frage so, als würden sie selber in Floskeln sprechen. Kaum einer zeigt sein wahres Gesicht, wer will schon zugeben, dass es einem schlecht geht. Aber nur hinter der Maske erkennt man den wahren Menschen – was man durchaus als das Kredo und die große inhaltliche Thematik der Texte von Steffen bezeichnen könnte. Es gab 23 Punkte (78987).

Pause

Team Tübingen: “Flieg, Vogel, flieg”. Muss man mehr sagen? Ein herrlicher Text über einen kleinen Vogel und das Erwachsenwerden ansich. Erst schlüpft er aus dem Ei und geht schon bald seinen Eltern auf den Flügel. Die beschließen, ihn aus dem gemeinsamen Nest zu schmeißen. Er steht am Nestrand und hört Stimmen: “Flieg, Vogel, flieg”. Er hört aber auch Stimmen, die rufen: “du wirst sterben”. Aber der Sog der Freiheit und der innere Drang ist größer und so schwingt er sich aus dem Nest – und fällt senkrecht nach unten. Und während er so fällt, läuft sein ganzes Leben an ihm vorbei. Und er bemerkt: Sollte es das gewesen sein? Auf einmal breitet er die Flügel aus und schwebt durch die Lüfte in ein eigenes Leben. Winken wir ihm zum Abschluss. Drei wunderbare Texte von Team Tübingen, die man heute abend im MUZclub abendfüllend erleben kann. Mit Team- wie Einzeltexten. Und ich hätte da gleich einen Wunsch an Jakob: Ich will, dass dein Arm wieder einschläft! Wohoo – ein klasse Text.

2.Runde

Der Schriftstehler: Ich fasse mal seinen ersten Auftritt in Nürnberg mit einem Zitat aus den Kieler Nachrichten zusammen – steht auf seiner Webseite – : “Der vielseitige Hamburger Künstler schaffte es mit seinen lyrisch hochwertigen, kraftvollen und doch zerbrechlichen Versen, das Publikum in sechs Minuten wachsen zu lassen. Aha-Poesie in Bildern, die im Herzen nicht aufhören zu sein.”. So schön könnte ich es nie ausdrücken, sagt aber genau das aus, was sich mit meinen Worten wie folgt anhört: Wohoo². Was ein Typ! Allein sein Anfangskurzgedicht – auch so eine “Masche”, das Eis zu brechen – “Neulich bei den Nachbarn”. < Sie bat ihn darum, dass er endlich den Müll runterbringen solle. Dazu setzte sie ihn einfach vor die Tür. > Da war das Eis gebrochen – wie bei Grög! und seinen Karnevalsjecken – und er konnte die nun freudige Erwartung ob seines längeren Textes zu seinem eigenem Nutzen .. äh .. nutzen. Der Weg war bereitet. Es ging um Menschen, die viel reden und dabei nichts sagen. Worthülsen ohne Herz und Verstand. Fremdworte allein der Präsenz willen. Jene Menschen sprechen mit sich selbst und mit Anderen. Und gleichzeitig mit Niemanden. Jene Menschen verwechseln Eloquenz mit Sinn. Und das alles sagt er seinem Spiegelbild. Eine kleine lustige Abrundung eines guten Textes, welche es eigentlich gar nicht bedurfte. Die Jury zog tolle Wertungen und am Ende landeten 28 Punkte auf Notizzettel (10999910).

Martin Geier: Kiffererlebnisse Teil III. Mit einem kleinen Rückblick auf Teil II gehen Martins Kiffererlebnisse in eine neue Runde. Wir erinnern uns: Polizei auf der Party und er schüttet sich Bowle über den Kopf, da er lieber nach Alkohol riechen will, als nach Drogen. Funktioniert auch einwandfrei. Wobei es noch besser funktioniert, als sich seine Mitbewohnerin um die Polizisten kümmert. Sie zieht immer alle Blicke auf sich. Das klappt immer, erst recht bei Männern über 30. Er kann so aus der Wohnung verschwinden und bemerkt ein leichtes Hungergefühl, welches er mit Döner besänftigen will. Dann hat er Hunger auf ein Milky Way. Heißhunger geradezu! Und er weiß auch, wo er seinen Milky Way herbekommt: Aus dem Automaten im Freibad. Er klettert über das Gittertor und schwingt wie früher im Turnunterricht am Reck gen Boden – und klatscht voll gegen das Gitter. Und während er sein Milky Way futtert, bemerkt er eine leichte Müdigkeit, was ihn dazu verführt, sich gleich an Ort und Stelle hinzulegen. Dann bemerkt er eine SMS von seiner EX-Freundin. Sie will mit ihm reden und MEHR! Martin springt auf und die Geschichte endet. Ein wirklich erheiternder Text, den Martin teilweise gickelnd und lachen performt. Es gab 24 Punkte (789107).

Frau Wortwahl: Eine kleine lyrische Abhandlung einer Nacht, die manche mit dem Wort “One Night Stand” beschreiben würden, Susanne aber mit den Worten “Ein ganzes Leben in einer Nacht” bedenkt. Denn sie hat ihm in die Augen gesehen, als wäre es nie anders gewesen. Sie hat zwar auf Sand gebaut, aber ihm gerne ihren Körper anvertraut. Und auch wenn sie weiß oder fühlt, dass die Zweisamkeit endlich ist, so schläft sie dennoch mit einem Lächeln aus Gold ein. Die Jury war nicht eingeschlafen und zog 24 Punkte (78988).

Finale

Aufgrund der Wertungen und der noch nicht allzu weit fortgeschrittenen Zeit, wurde ein Dreierfinale vereinbart.

Carmen: Carmen sitzt im “Zug des Lebens” und schaut nach einer 50 Stunden Party “Germany´s next Topmodel”.

Grög!: Grög! ist Zeit seines Lebens Poetiker in Reimkultur gewesen und hat es dank der APO – der annonymen Poetiker – geschafft, von dieser Droge wegzukommen. Er ist nun Prosa.

Schriftstehler: Der Schriftstehler wacht in seinen Beziehungswaisen auf und bemerkt, dass seine Träume verloren gegangen sind und das er den Himmelsstürmer in sich selbst vermisst.

Der Sieger des gestrigen Abends hieß und heißt Der Schriftstehler.

By the way und ohne Anspruch auf Erwähnung in einem Jahresrückblick bei Kerner und Co: Ich hätte es wunderbar witzig gefunden, wenn der Schriftstehler den zweiten Platz gemacht hätte, das hätte wunderbar zum Buchpreis gepasst. Aber natürlich freut es mich für Armin und mir reicht allein die Vorstellung, dass sich jemand, der sich Schriftstehler nennt, sowie das hoch diskutierte Buch von Helene Hegemann, das sich beide in ein und demselben Raum befinden. Großartig!

Bis die Tage!

Euer Tobias

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