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16 03
Oslo liegt nicht in Polen!
Herzlich willkommen im mainstream 2.0. Wohoo! Heute mal ein Blogeintrag, der schon seit Wochen in meinen Fingern schlummerte, der aber aufgrund Zeitmangels – Arbeit, Frau, Sport, Weltfrieden – bisher auch dort geblieben war. Heute endlich sieht er das Licht der Welt. Wollen wir ihn herzlich begrüßen: Hallo Du “DSDS vs. USFO Blogeintrag”. Du Perle am Bloghimmel und notwendiges Salz in der allseits breiigen Kommentar-Suppe!
Seit einigen Wochen herrscht in den entsprechenden Weiten des Internets ein regelrechter Krieg. USFO gegen DSDS. Bohlen gegen Raab. ARD/PRO7 gegen RTL. Lustig an der ganzen Sache ist ja, dass man in 99% aller Fälle in den Kommentaren oder Blog- wie Zeitungsartikeln nur diesen Vergleich sieht und lesen kann. Was ist beispielsweise mit den Retortenshows “Popstars”, “Das Supertalent” und wie sie sonst noch so alles heißen. Entweder kommen diese Formate in den Kommentaren und Artikeln deswegen nicht vor, weil sie gerade nicht laufen oder man hat ihre allgegenwärtige Bedeutungslosigkeit erkannt. Ich denke, die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.
Natürlich habe auch ich bereits eine dreistellige Anzahl von Stunden vor dem Fernseher verbracht und jenen Formaten gelauscht, über die musikalischen Protagonisten gelacht und die Jury für die ein oder andere Entscheidung verflucht. Ich beobachtete dies aber aus einer gewissen emotionalen Entfernung heraus – habe also nie angerufen1 – und in den letzten Jahren schaue ich derartige Shows eigentlich fast gar nicht mehr. Die Geschichten und Shows sind immer der gleiche stereotype Abwasch menschlichen Geschmackabgrundes – nur die vermeindlichen Protagonisten wechseln.
Aber wollen wir uns dieser Sache doch einmal geordnet widmen. Damit auch wir diesem Themenkomplex ein Senfkörnlein beigefügt haben.
Titel der Sendung
Das heutzutage peinlichst darauf geachtet wird, einer mainstreambezogenen ja fast schon boulevardesken Sendung einen schicken Sendetitel zu schenken, damit die Zielgruppe auch schöne Abkürzungen in Foren, auf Webseiten und vor allem in SMS oder neuerdings via twitter nutzen kann – was sie auch so tun würde – führt dazu, dass die Sendetitel immer länger werden. Früher reichte noch ein Musik ist Trumpf (MIT?) oder Ein Kessel Buntes (EKB?) – für unsere ostdeutschen Fernsehfreunde – aus, um schicke Sendetitel zu finden. Heute wären jene Titel sowas von out. Deren Titel könnte man nur schwer und nur “um die Ecke gedacht” schick2 abkürzen – also diskutiert man gleich gar nicht darüber.
Hier sind “Unser Star für Oslo” und “Deutschland sucht den Superstar” gut aufgestellt. Wobei DSDS einfacher und flüssiger über die Lippen geht, als USFO.
Inhaltlich sprechen beide Sendetitel einen Star an. Also man sucht nach einer Person, der aus dem Auge des Betrachters – in beiden Fällen Deutschland – eine besondere Bewunderung widerfährt bzw. verdient. Eine Person, die beliebt und verehrt wird und mit der man sich emotional verbinden kann.Während USFO einen Star für einen Abend sucht, könnte man das Konzept von DSDS eher langfristig betrachten. Daher ja auch Superstar. Ein Star kommt und geht wieder – aber ein Superstar bleibt für immer. Fragen Sie mal Batman, Supermann oder um menschlich zu bleiben Beckenbauer oder Robbie Williams und Co. Die sind nicht tot zu kriegen. Egal ob man von jenen Personen dauerberieselt wird – oder nicht.
Die Frage ist nur: verspricht der Titel das, was die Sendung halten kann?
Im Falle von USFO würde ich zustimmen. Da wir nur eine Starterin in Oslo haben werden, wird jeder Deutsche, der sich für diesen Musikwettbewerb interessiert, der Deutschen Kandidatin die Daumen drücken und sich emotional binden. Und sollte Lena es schaffen, den Negativtrend zu stoppen und einen Achtungserfolg zu erzielen – sie wäre wirklich ein kleiner Star, der zumindest in den Jahresrückblicken aller Sender vorkäme. Den Sieger von DSDS habe ich in den Rückblicken noch nie gesehen. Glaube sogar, dass der Sieger nicht mal in den RTL Rückblicken vorkommt. Zudem hat der “Superstar” immens große Konkurrenz auf dem heimischen Markt, so dass die Sendung dem Anspruch des Sendetitels niemals gerecht werden kann.
Von daher 1=1
Konzept der Sendung
Bei USFO konzentrierte sich die Sendung fast ausschließlich auf die Musiker und einen fairen Wettkampf. Auch wenn das “faire” manchmal zu häufig erwähnt wurde, als wollte man auch dem letzten Sesselhocker signalisieren: “Hallo – wir setzen uns von der Masse ab! Wir machen Qualitätsfernsehen. Wir sind ja schließlich (auch) die ARD!” Nur wenige Videoeinspielsequenzen wurden gezeigt und die Teilnehmer wurden nie durch eine off-Stimme stigmatisiert oder beleidigt. Zudem stand auch nur das musikalische Konzept des Teilnehmers auf dem Prüfstand und wurde bewertet bzw. in den Vordergrund gestellt. DSDS geht hier weiter und rückt den sozialen und emotionalen Hintergrund des Teilnehmers in den Vordergrund und focussiert sich zu sehr auf die negativen Seiten des Lebens. Flankiert wird dieses Vorgehen durch die entsprechenden Zeitungen mittels monotoner Artikel und Aufmacher – zudem kommt kaum eine DSDS Staffel ohne abfällige Kommentare, sei es durch die off-Stimme in den Videosequenzen oder durch die Jury aus. Und natürlich zieht dieses Vorgehen ein Massenpublikum an, welches durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten (Foren, twitter, Blogs, soziale Netzwerke) gefördert und gehyped wird. Wer hat nicht schonmal eine Mail erhalten, in der auf ein besonders “gelungenes” Teilnehmerbashing bei DSDS hingewiesen wurde. Diese Videos und Juryauswürfe sind ein gefundenes Fressen auf Schulhöfen und ersetzen häufig das Butterbrot, welches dann in der Schultasche verfault. DSDS setzt viel mehr auf Effekte basierend auf dem persönlichen Hintergrund des Teilnehmers als auf die Musik. Und je länger DSDS läuft, umso mehr wird die Musik in den Hintergrund gedrängt. Teilweise drängt sich der Anschein auf, dass man auch gar nicht mehr die Musik verkaufen will sondern nur noch die Geschichte. Noch wird das von den Zuschauern honoriert. Aber das Problem an diesem Konzept ist, dass es kaum noch echte Musiker gibt, die sich dem aussetzen wollen. Und so wird es dazu kommen, dass die Gesangseinlagen immer schlimmer werden werden – wie bereits in den letzten Jahren zu beobachten – und DSDS in naher Zukunft das Problem haben wird, dass sich gar kein Musiker mehr bewerben wird, sondern nur noch der Rest vom Rest der musikalischen Resterampe. Und der Zuschauer wird das merken und von dannen ziehen. Ich hoffe, er tut es schnell.
2=1 für USFO
Die Jury
Beide Jurys werden überstrahl von Dieter Bohlen bzw. von Stefan Raab. Auch wenn sich Stefan Raab sehr zurückhielt, so steht er mit seinem Gesicht und seinem medialen Standing für USFO wie Dieter Bohlen für DSDS. Begleitet werden beide Gesichter durch jeweils zwei Mitstreiter. Bei DSDS sind es momentan ein minder erfolgreicher Musikmanager – wenn man sich mal sein Portfolio an Künstlern ansieht – sowie eine Moderatorin, die ebenfalls noch keine großen Erfolge zu verzeichnen hat. Und das ist noch sympathisierend ausgedrückt. Daher ist es auch verständlich, wenn Nina Eichinger zumeist als “Tochter von Bernd Eichinger” tituliert wird. Aber dafür kann sie nichts3.
Bei USFO war es so, dass neben Stefan Raab als gesetzten Jury”chef” immer zwei rotierende Juryplätze vergeben wurden. Und hier nahmen dann gestandene4 Musiker Platz. Und es dürften auch fast sämtliche Musikgengres vertreten gewesen sein. Und die USFO Jury versuchte, manchmal etwas zu sehr, die Latte der fachlichen Kritik mit jeder Sendung nach oben zu treiben. Positiv in Erinnerung als Jurymitglied bleiben wird Peter Maffay, Marius-Müller Westernhagen sowie Rea Garvey (Frontman von Reamonn). Negativ in Erinnerung wird eigentlich nur Sarah Connor bleiben, die mehr als nervig auftrat und scheinbar an dem Abend kaum Lust hatte, ihr womöglich vorhandenes musikalisches Wissen und Knowhow in Form von Kritik einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Rest war eher Schublade “okay – waren auch mal da”.
Während sich die DSDS Jury teilweise darin überbietet, die lustigste Kritik – gut wie schlecht – in kreativster Form und noch dazu twitter/sms konform über die Lippen zu pressen, priesen die USFO Jurymitglieder die Teilnehmer in den musikalischen Himmel. Es wurde zwar auch nicht an Kritik gespart, allerdings waren dies zumeist eher rudimentäre Kritikpunkte. Zudem war es meist unterstützend gemeint im Sinne von “das kannst du besser, mach es daher beim nächsten mal so”. Was bei DSDS manchmal zu sehr schwarz (tiefstes Schwarz) gemalt wird, war bei USFO an eingigen Stellen zu sehr weiß. Die Harmonie kam schon teilweise aus den Boxen.
Gut an DSDS ist m.E., dass die Jury nicht wechselt, so dass man sich als Teilnehmer auf die Kritiken – sofern sie mal ernst gemeint sind – auch “verlassen” kann und ggf. eine eigene Veränderung wahrnehmen kann. Bei USFO wurde aus meiner Sicht zuviel in der Jury gewechselt, auch wenn dadurch immer mal wieder andere Sichtweisen zu hören waren. Im grundegenommen sagten die Jurymitglieder aber eh immer dasselbe. Austauschbar – was USFO dann ja auch gemacht hat.
USFO führt weiterhin – jetzt mit 4=2.
Die Kandidaten
Wie schon angeklungen, hat DSDS durch die eigene Focussierung auf den emotionalen Hintergrund eines Musikers – bezeichnen wir sie pauschal einfachheitshalber alle mal als Musiker – arge Probleme gute Teilnehmer zu finden, die wirklich im Stande sind, eine unterhaltsame musikalische Darbietung abzuliefern. Wenn es nach der reinen musikalischen Leistung gänge, würde ich behaupten, dass sämtliche Finalteilnehmer von USFO mehr Können im kleinen Finger besitzen, als das aktuelle Lineup bei DSDS.
Die Kandidaten bei USFO waren sogar so mutig und im Stande eigene Songs darzubieten. Und, was vielleicht ein wenig überrascht: jene Songs überzeugten genauso wie die Welthits. Wenn man bei DSDS mal einen Musiker zu Gesicht bekam, der in den Bewerbungsboxen eigene Songs zum Besten gab, wurde einem schlecht und der Fremdcharme übernahm die emotionale Führung.
Das Konzept von USFO hat dazu geführt, das echte Musiker – ob nun ausgebildet oder von der Natur aus begünstigt – zu sehen und teilweise auch zu bewundern waren. Die Shows auf RTL hatten und haben teilweise nur noch sehr wenig mit musikalischen Können zu tun. Natürlich sieht und hört man auch hier hin und wieder einmal gute Stimmen – aber das ist die Minderheit.
USFO vs. DSDS: 5=2
Die Moderatoren
Ich mag es kaum zugeben, aber Matthias Opdenhövel, der mich persönlich5 als Stadionsprecher der Ostholländer mehrfach beleidigt hat, macht als Moderator eine gute Figur. Aus sportlicher Sicht wird er bei mir nie Punkte verzeichnen können aber die Moderation der Raabschen Sendungen ist ihm auf den Leib geschneidert. Seine teilweise witzige aber durchaus auch zurückhaltende Art und Weise – zudem seine gute Auffassungsgabe im Bezug auf den Zeitpunkt eigener ironischer Kommentare – kommt sehr gut an. Unterstützung erhielt er von Sabine Heinrich, einer Radiomoderatorin von NRWs ersten Radiosender: 1Live. Auf eine sehr sympathische süße Art sorgte Sabine Heinrich – nicht zu vergessen und zu erwähnen ihre kleine Zahnlücke – für einen guten Ausgleich zum omnipräsenten Opdenhövel.
Ganz im Gegensatz hierzu die DSDS Besetzung. Marco Schreyel. Mehr muss man hier wohl nicht anführen. Während Marco Schreyel bei “Das Supertalent” noch Unterstützung von Daniel Hartwich6 erhält, die er auch nötig hat, ist er bei DSDS auf sich alleine gestellt. Wenn die Jury oder die Teilnehmer schon keine unterirdischen Leistungen vollbringen, springt Schreyel ein und gibt gerne den Pausenclown. Seine aufgesetzte und nervende Art und Weise und seine dummblöden Fragen und Anspielungen reißen jede noch so niedrige Geschmackslatte mit Leichtigkeit.
Wohltuend auch, dass Opdenhövel und Heinrich die Verkündung der Entscheidung nicht künstlich hinauszögern und den sprichwörtlich Kreis neu erfinden, um an Ende dann doch nur die Namen vorzulesen und keine Unsterblichkeitsformel.
Und noch ein Punkt für USFO. 6=2
Natürlich könnte man nun auch noch Kriterien wie Einschaltquote oder Medienecho heranziehen, aber im Bereich Medienecho halten sich beide Formate ungefähr die Waage7 und bei den Einschaltquoten führt DSDS zwar mit einem mächtigen Vorsprung, aber wenn ein derartiges Publikumsvoting auch gleichbedeutend mit Qualität zu setzen wäre, dann haben wir in Deutschland die tollste Regierung, die man sich wünschen kann. Wenn man sich die letzten Wahlergebnisse anschaut. Andere Länder schielen mit Neid auf uns und auf unsere Politiker. Und natürlich kann jeder jene Rubriken subjektiv anders gewichten, aber einer neutralen Bewertung dürften meine kurzen Ausführungen stand halten.
Also werte Medien- und Webgemeinde .. nun ist auch wieder gut mit kriegerischen Auseinandersetzungen in Sachen DSDS oder USFO – lest euch obige Sätze gut durch und lernt. Und dann geht raus und genießt die Natur!
Cherio!
Euer Tobias
Anmerkung: Ich bitte die Überschrift “Oslo liegt nicht in Polen” im allseits beliebten fränkischen Idiom auszusprechen .. wobei sich dieser Hinweis eigentlich nur auf das Wort Polen bezieht.
1 Meine Erinnerung spielt mir einen Streich. In der allerersten Staffel DSDS habe ich mal im Finale für Juliette Schoppmann angerufen. Wie man weiß, hat es nicht geholfen. Ich bin aber nicht nachtragend.
2 Die ersten lustigen Abkürzungen in den Kommentaren von “Musik ist Trumpf” bzw. “Ein Kessel Buntes” erhalten ein GiA Jahresabbo gratis.
3 Das meine ich auch so – also doppeldeutig!
4 Ob man jene Musik nun gut findet oder nicht, erfolgreich sind sie alle.
5 Und tausend andere FC Fans bei den Auswärtsspielen auf dem Bökelberg.
6 Bei Daniel Hartwich meine ich Opdenhövelsche Züge zu erkennen. Positiv gesehen.
7 Quantitativ!
Die oben benutzten Bilder sowie das Bild im Auszug wurden bei flickR durch ihre jeweiligen Urheber unter einer entsprechenden Lizenz zur weiteren Bearbeitung veröffentlicht. Auszug: teacherafael CC Lizenz, Gewinner 2009: iboy CC Lizenz; Gewinner 2004: samikki CC Lizenz.
2 Antworten to “Oslo liegt nicht in Polen!”
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RechtschreiPunk sagt:
17. März 2010 um 06:48“Verliebt in Berlin” (ViB) sollte übrigens eigentlich ganz anders heißen… nämlich “Alles nur aus Liebe”.
Man hat den Gedanken dann aber verworfen… -
Tobias sagt:
17. März 2010 um 06:51Das war und ist mir natürlich bekannt .. und ich hatte auch kurz überlegt, ob ich das als “lustiges Beispiel” in den Fußnoten anführe .. habe mich aber dagegen entschieden – wir stehen hier für qualitativ hochwertigen Blogcontent … ;o)
Und ViB gehört eher in die Kategorie “Unterschichten.TV” – welche ich demnächst hier dann mal premieren lasse werde …
