Von Hildegard und Fensterbrettern! →
30 03
Und täglich grüßt das unbelehrbare Murmeltier!
Für den heutigen Anfangsgedanken bewegen wir uns in der Zeit rückwärts, werden weltliterarisch und befinden uns im Spätmittelalter in Spanien. Unser Anfangsgedanke führt uns in einen Roman, der Weltliteratur geworden ist: “El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha”. Der Titelheld Don Quijote ist derart von Rittergeschichten beeindruckt, dass er sich selbst als Ritter sieht und zur Vermehrung und Verbreitung seines Ruhmes umherzieht, um das Unrecht zu bekämpfen, wo immer er es auch anzutreffen vermag, genau so, wie es seine Romanhelden tun. Von seiner fixen Idee geleitet, durchlebt Don Quijote diverse brenzlige und absurde Situationen.
Eine der Episoden hat heutzutage fast schon ein sinnbildliches Alleinstellungsmerkmal für den gesamten Roman: Der Kampf gegen die Windmühlen!
Ich behaupte: Kaum einer, der sich dieser Metapher bedient, hat jene Romane überhaupt gelesen und dennoch nutzen viele den Kampf gegen die Windmühlen als Gleichnis für den ausweglosen Kampf gegen eine gnadenlose Maschinerie! So auch ich. Ich wollte es nur mal gesagt haben, gleichwohl möchte ich erwähnen, das jenes Buch seit heute auf meiner “to read-Liste” steht. Sehen Sie es mir nach.
Nun, worauf möchte ich näher eingehen. Wobei das “näher eingehen” eigentlich vollkommen überflüssig sein müsste. Eigentlich ist bereits alles gesagt und getan und schien auch geklärt. Sprich, die oberen Entscheidungsträger hatten sich eines Besseren belehren lassen und hatten berechtigten Kritikpunkten den Vorrang gelassen. Die Rede ist von den unsäglichen Ideen und Hirngespinsten einer ehemaligen Familienministerin, die den Internetverkehr um ein bekanntes Verkehrsschild erweitern wollte. Unzählige Eingaben, Informationsrunden, Demonstrationen, Bundestagsdebatten und eine Parteigründung später schien das Gespenst der staatlichen Zensurmöglichkeit verbannt, verjagt und mal gehörig den Hintern versohlt. Eine unheimliche aber ebenso beeindruckende Websolidarisierung- und politisierung hatte scheinbar obsiegt, zumindest konnte man das Zugangserschwerungsgesetz verhindern oder allgemein gesagt: die Umsetzung des Zugangserschwerungsgesetzes wird aktuell durch die Deutsche Bundesregierung nicht weiter verfolgt.
Alles heikler Sonnenschein? Scheinbar nein und offensichtlich haben die Aktivisten durch ihre Demonstrationen und dem politischen Erdbeben im Web nur etwas Zeitaufschub erreicht. Denn während Deutsche Politiker aktuell mit anderen Problemen beschäftigt sind, die hin und wieder auch etwas mit der aktuellen politischen Mindestnotwendigkeit zu tun haben, braut sich ein neues Sperrgewitter am politischen Horizont zusammen. Diesmal in Form der EU oder genauer gesagt in Person seiner EU Innenkommissarin Cecilia Malmström. Die Innenkommissarin plant eine Richtlinie zum Schutze der Kinder, die auch Bestandteile enthält, die im Zugangserschwerungsgesetz bereits schwarz auf weiß Einzug gehalten haben. Sollte jene Richtlinie umgesetzt werden, so müsste Deutschland sein Zugangserschwerungsgesetz doch aktivieren und zur Umsetzung bringen. Etwas, wovon sich die Bundesregierung mit großen Gesten und kleinen Worten eigentlich verabschiedet hatte.
Und nun beginnt das Spiel aufs Neue. Altbekannte Kritiken werden aus den Schubladen geholt und der Innenkommissarin vor das geistige Auge gehalten. Man muss die berechtigten Kritikpunkte nicht noch einmal aufzählen, das Web ist voll davon. Aber natürlich wachen nun auch wieder die eigentlichen Befürworter der Ursprungsidee aus ihrem selbstverordneten Passivschlaf auf und preisen jene Ideen und verdammen das rechtsfreie Internet. Ein wahrer Kampf gegen die Maschinerie der Ausblendung von berechtigten und richtigen Standpunkten und der Verteufelung eines Systems, einer komplizierten wie einfachen Welt, die die Befürworter jener Richtlinie kaum bis gar nicht verstehen, steht nun allen Aktivisten bevor, wollen sie es auch diesmal schaffen, die politischen Lager mit Sachargumenten und einem Trommelfeuer der Zurschaustellung der offensichtlichen Fehler dieser Richtlinie zu einem sinnvollen Einschreiten gegen diese Idee des Sperrens statt Löschens zu bewegen.
Fast hat man den Eindruck, das findige Mitstreiter der fixen Sperridee von Internetseiten auch deswegen fast von der Meinungsbildfläche verschwunden waren, weil sie wussten, dass dieses Thema eine europaweite Beachtung erhalten wird. Vielleicht wurde es von ihnen sogar entsprechend lanciert. Und reiben sich nun die Fingerchen.
Oder es war ein wenig so wie beim Titelhelden von Miguel de Cervantes. Vielleicht laß Cecilia Malmström das Zugangserschwerungsgesetzt und deren Anordnungen und Ausführungen und war dermaßen davon beeindruckt, dass sie daraufhin ebenfalls übergeschnappt ist, sich als die schwedische Wiedergeburt einer ehemaligen deutschen Familienministerin sieht und nun das Werk vollenden will. Mit allen Mitteln und unter Einsatz ihres politischen Gewichtes. Sollte es so gewesen sein, so kann man nur hoffen, dass auch dieses Mal die Windmühlen siegen werden und Frau Malmström so wie Don Quijote am Ende als weiser Mensch da stehen wird, wenn sie rückblickend ihr politisches Leben betrachtet.
Dann hätten wir alle was davon und Wolfgang Bosbach (“Was offline verboten ist, muss auch online untersagt sein.”) bräuchte dann auch nicht die Rolle des Sancho Pancho übernehmen – nur ohne den praktischen und gesunden Menschenverstand – um der Innenkommissarin als Wegbegeleiter Gesellschaft zu leisten. Aber vielleicht träumt Wolfgang Bosbach ja auch von einer eigenen Insel und die Herrschaft über diese.
Wollen wir hoffen, im Falle eines Falles, dass jene Insel ganz weit draußen liegt und die Schiffs- und Flugverbindungen am Tage nach seiner Landung eingestellt werden, so dass wir von seinen politischen Auswüchsen und seinem Verstädnis von einer modernen Gesellschaft in Zukunft verschont bleiben.
Oh ja – das hoffe ich.
Euer Tobias
Update: sehr guter Blogeintrag von Marius Sixtus (der elektrische Reporter) auf dem zdf Blog, der Tags zuvor noch einen Blogeintrag pro Internetsperren in die mediale Welt posaunte.
