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06 04
Unrühmliche Erinnerungen!
Große Ereignisse haben die begleitende Eigenschaft, dass man sich auch Jahre danach noch an sie erinnert. Entweder in Freude oder in Gedenken. Heute vor einem Jahr bebte die italienische Erde und begrub das mittelalterliche Zentrum der Stadt L’Aquila unter einer großen Decke voller Asche und Bauschutt. Durch das verheerende Erdbeben verloren 308 Menschen ihr Leben und 120.000 Menschen ihr zuhause. Heute versammelten sich 25.000 Menschen in Gedenken an die Opfer.
Aber nicht nur allein die Gedanken an die Opfer mobilisierten die Einwohner L´Aquila zur heutigen Gedenkfeier, viele Einwohner nutzen jene Feier auch zur Demonstration. So wie sie es schon seit Wochen tun. Sie mahnen den Wiederaufbau ihrer Stadt an, der immer noch nicht gestartet wurde. Teile der Altstadt der Stadt L´Aquila sind immer noch nicht begehbar und abgesperrt. Das Wort “Geisterstadt” hat Einzug in L´Aquila gehalten. Viel wurde versprochen, wenig bisher gehalten. Zwar stehen neue Häuser zum Bezug bereit, aber neben der Tatsache, dass auch dort noch nicht alles erledigt ist, wollen die Einwohner “ihre Stadt” zurück. Ihnen geht es in erster Linie um Identifikation ihrer selbst. Doch hier tut sich nichts, seitdem die städtischen Behörden die Organisation des Wiederaufbaus übernommen haben. Und schon machen Gerüchte um persönliche Bereicherung der Offiziellen die Runde, das Wort “Mafia” wird nicht nur im Flüsterton benutzt, wenn es um den Wiederaufbau ihrer Stadt geht.
So nehmen jetzt die Bürger L´Aquilas den Wiederaufbau und die Schubkarre nebst Schaufel in die eigenen Hände, damit überhaupt etwas passiert. Die Welt hat L´Aquila längst vergessen und interessiert sich nicht einen Moment für die Wiederaufbau der Stadt, die Versorgung der Menschen und die Normalisierung des Alltages.Warum sollte sie auch. Italien ist ein geordnetes Land mit einer geordneten Regierung nebst Behörden und entsprechender staatlicher Werkzeuge. Und Geld müsste auch vorhanden sein. Nur sieht es so aus, als hätte selbst Italien das Städtchen L´Aquila vergessen. Shame on you – Mister Berlusconi?
Machen wir mal kurz einen Sprung über den Atlantik und landen in New Orleans. Der amerikanischen Jazzmetropole am Ufer bzw. Delta des Mississippis. Und genau dies ist Segen und Fluch zugleich. Denn die Altstadt von New Orleans liegt unterhalb des Meeresspiegels und dies war mit ein Grund dafür, dass die Folgen des Hurrikan Kathrina so verheerend waren, dass es nicht wenige Experten gibt, die für eine vollständige Aufgabe der Stadt plädieren. Der öffentliche Druck bezogen auf den schnellen Wiederaufbau und die geografische Lage führte teilweise zu absurden Entscheidungen der städtischen Verwaltung. Man entschied sich, die Bevölkerungszahl der Stadt, insbesondere in den gefährdeten Stadtteilen zu reduzieren und sichere Gebiete neu zu besiedeln. Ansich eine sinnvolle Maßnahme. Allerdings hat jene Medaille eine zweite Seite, eine überwiegend schwarze Seite. Denn jene nun fast schon vollständig aufgegebenen Gebiete wurden zu Großteilen von der armen Bevölkerungsschicht New Orleans bewohnt, in der Regel betrifft das Umsiedlungsprojekt also hauptsächlich die schwarze Bevölkerung New Orleans. Teilweise wurden jene Gebiete, in denen zahlreiche Sozialwohnungen- und komplexe (Public Housing Projects) standen, nicht wieder aufgebaut oder abgesperrt, so dass die Bewohner keine Chance haben, ihre intakten Wohnungen wieder zu bewohnen1. Sie sind also gezwungen in die neuen Gebiete auszuweichen – was sich allerdings kaum einer leisten kann, da diese Wohngebiete dünner besiedelt werden sollen und für Menschen mit mittlerem Einkommen gedacht bzw. geplant sind. Hinzu kommt, dass die Gebiete innerhalb der Innenstadt an private Investoren ausgeschrieben worden sind, was die Mietpreise nochmal erhöht.
Der einfache Bürger in New Orleans steht also vor ähnlichen wenn nicht sogar noch vor schlimmeren Problemen, wie die Menschen in L´Aquila, da es sich zu einem Großteil um Menschen am Rande oder sogar unterhalb der Armutsgrenze handelt. Hinzu kommt, dass die Stadt weitere Nadelstiche gegenüber den ärmeren Bevölkerungsschichten beschlossen und bereits umgesetzt hat: Das einzige öffentliche Krankenhaus wurde geschlossen und ist nun privatisiert. Die Innenstadt von New Orleans wird geradezu systematisch ausgeblutet – zumindest von jenen Personen “befreit”, die sich die Mietpreise und Lebenshaltungskosten nicht mehr leisten können. Aber auch hier scheint die Welt kaum noch Notiz von zu nehmen. Warum auch, die Weltuhr dreht sich weiter und der nächste Krisenherd wartet auf die Reporterschar. Und die USA selbst? Was interessiert es die Menschen in New York, in Washington oder in Los Angeles, wie es den ärmeren Bevölkerungsschichten in New Orleans geht. Ganz Amerika hat ganz andere Probleme, die Finanzkrise zieht immer noch ihre Kreise und erreicht über die Immobilienblase nun auch entgültig die mittleren Einkommengruppen. Die Gefahr, die von den USA ausgeht, ist noch immer nicht gebannt. Was interessiert es da, was mit den Armen und Schwachen passiert. Im Lande des “wir helfen uns schon selbst” ist langfristige Solidariät ein Fremdwort. Von einer Sozialisierung der amerikanischen Gesellschaft – Stichwort Gesundheitsversicherung für Alle – mal ganz zu schweigen. Shame on you – Mr. Obama?
Können wir uns es überhaupt leisten, mit dem Finger auf andere Staaten zu zeigen? Während der Griechenlandfinanzkrise haben es die Politiker gerne gemacht. Der Finger zeigte des öfteren ans Mittelmeer. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Politiker erfolglos der Versuchung widerstanden hätte, fiskale Weisheiten an die Griechen zu verteilen. Zumindest kann man behaupten, dass die Finanzkrise in Deutschland scheinbar geordnet(er) verlaufen ist und dadurch weniger Schaden angerichtet hat, als zu vermuten gewesen wäre. Aber in Sachen humanitäre Hilfe?
Der Deutsche hebt ja gerne mal die Hand und öffnet sein Portemonaie, wenn es darum geht, das humane Gesicht der Germanen zu zeigen. Auch der Staat ist gerne bereit, Haushaltsmittel für humanitäre Hilfe bereitzustellen. Und das ist auch gut so!
Aber wie sieht es im eigenem Hause aus? Läuft es da schneller, unbürokratischer – einfacher? Erhalten die Opfer schnelle und langfristige Hilfe? Die letzte große Naturkatastrophe war der Erdrutsch in Nachterstedt, als ganze Häuser in den Abgrund gerissen wurden und drei Menschen zu Tode kamen. Wir erinnern uns? Juli 2009, Baggersee, Sachsen-Anhalt? Ich muss zugeben, mehr als ein paar Stichworte würden mir auch nicht mehr einfallen, darüber zu diskutieren, ob es die Deutschen besser machen, wenn es darum geht, den Alltag für die Opfer so schnell als möglich wieder herzustellen.
Allein die Websuche kann Abhilfe schaffen. Auch heute noch ist die betroffene Siedlung teilweise gesperrt. Es steht immer noch nicht fest, ob die Häuser und die Siedlung in ihrer jetzigen Form beibehalten werden können. Immer noch gelten viele Häuser als stark einsturzgefährdet und können von ihren Besitzern nicht bewohnt werden. Die Gemeinde Nachterstedt und das Land Sachsen-Anhalt sind weiterhin mit der Ursachenforschung beschäftigt. Derzeit geht man davon aus, dass ein kleines Erdbeben den Erdrutsch ausgelöst hat. Und man geht sogar davon aus, dass die Behörden von der Gefahr hätten wissen müssen.
Aber was ist mit den Menschen? Wo leben die? Was machen die? Leben die in bereitgestellten Containern? Bei Verwandten, in Hotels? In neuen Wohnungen? Das Internet weiß hierüber kaum etwas zu berichten und auch die offiziellen Stellen sind in dieser Angelegenheit eher stumm denn mitteilungsbedürftig2.
Natürlich wäre es einfach nun zu sagen, dass auch Deutschland Nachterstedt vergessen hat. Aktuellere Themen beschäftigen die Politik und das ist auch gut so. Und natürlich kann man das Unglück in Nachterstedt nicht mit dem in New Orleans und dem in L´Aquila vergleichen – oder nur in Grundzügen – aber zumindest ansatzweise lässt sich festhalten, dass die Nachfolgearbeiten (Wiederaufbau, Umsiedlungen etc.), die hauptsächlich durch die Behörden vor Ort organisiert werden, auch in Deutschland viel Zeit in Anspruch nehmen. Zuviel Zeit? Wenn man die betroffenen Menschen in Nachterstedt fragen würde, ich könnte mir vorstellen, dass die zum selben Ergebnis kommen, wie die Menschen in L´Aquila und in New Orleans.
Die erste Hilfe kommt schnell, ist überwältigend und wird auch von der großen Politik getragen. Wenn dann aber die Notkommandos, Fernsehteams und Minister von dannen gezogen sind, wird es sehr ruhig an Ort und Stelle. Und die Mühlen der kommunalen Politik sind scheinbar auch in Deutschland eher langsamerer Natur.
Ist ja nicht so, dass man das nicht schon immer gewusst hätte. Aber dass man unsere Behörden in eine Schublade stecken kann, wie die der Italiener (unorganisiert) und die der Amerikaner (asozial, profitgierig) – das verwundert dann schon.
Deutschland – du musst dich zwar nicht in Grund und Boden schämen, aber arbeiten kannst du an dir. Jeden Tag. Jede Stunde!
Euer Tobias
1 Zur weiteren Veranschaulichung der Problematik in New Orleans empfehle ich auch die dreiteilige Serie “Mister & Missis.Sippi” auf 3sat. Kann man sich in der Mediathek ansehen. Hier fuhren Volker Strübing und Patricia Schäfer (zdf) mit einem Floß den Mississippi hinunter. Ihre letzte Station war New Orleans und auch jene Problematik war ein Thema. Zu sehen im dritten Teil der Serie. Aber auch die zwei anderen Teile sind sehenswert.
2 Da der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet eben eine Mail verfassen. Was er auch getan hat. Und zwar an die Behörden von Nachterstedt. Mich würde es nämlich mal echt interessieren, was mit den Menschen bisher passiert ist und was die Gemeinde Nachterstedt bisher unternommen hat. Vielleicht erfährt man ja was. Und nicht erst zum Jahrestag am 18.Juli.
Der eingebaute Wort- und Satzbaufindungsautomat und Optimierer ist heute morgen leider kaputt gegangen. Abhilfe konnte noch nicht geschaffen werden, daher hören sich manche Sätze eher an wie Kraut und Rüben. Heute ist mal echt kein guter Tag zum schreiben .. flüssige Sätze wollen heute eher im Dickicht des Gehirns verbleiben. Ich bitte dies im Bezug auf die Thematik angemessen zu übersehen.
Das Bild in der Vorschau wurde vom flickr user adele_sarno unter einer CC Lizenz veröffentlicht und unter den dort genannten Voraussetzungen freigegeben. Das Bild aus L´Aquila (01/2010) im Text ist vom flickr user abruzzo24ore und wurde unter einer entsprechenden CC Lizenz veröffentlicht. Das erste Bild aus New Orleans ist als Symbolfoto zu verstehen und wurde vom flickr user mrtruffle unter einer CC Lizenz veröffentlicht. Das zweite Bild aus New Orleans wurde dahingehend vom flickr user derek_b unter einer CC Lizenz veröffentlicht. Das Bild vom Erdrutsch in Nachterstedt (Juli/2009) wurde vom flickr user einfachalex ebenfalls unter einer entsprechenden CC Lizenz veröffentlicht.
