03 06

Not my kanzlerin!

Freunde – lasst uns in der nächstbesten Kneipe einen heben. Ich gebe einen aus! Es gibt was zu feiern!“ So oder so ähnlich könnte es heute in Teilen Deutschlands zugehen. Zumindest in meinem inneren Deutschland. Und dieses innere Deutschland ist manchmal – eigentlich ziemlich oft – um so vieles reicher und schöner als die Realität. Aus der flüchte ich nämlich ganz gerne, wenn mir diese wieder einmal viel zu „spooky“ ist. So geschehen in den letzten Tagen, als unser Bundeshorst seinen Abschied verkündete und zunächst das politische Berlin in einer regelrechten Schockstarre dahin vegetierte.

Also bei einigen Vertretern unserer politischen Kaste ist das freilich kein Unterschied zu der sonst üblichen Haltung, aber man sah vielen an, dass sie überrascht wurden. Und was mag man so als Politiker wohl überhaupt nicht, klar, Überraschungen. Umso überraschter musste man sein, als zunächst eine Mehrheit dieser Geschockten insgeheim und eine Mehrheit der Bundesbürger ganz offen in diversen Umfragen eine Person an der Spitze dieses Landes sehen wollten, bei der nicht nur mir das Essen vom Silvesterabend 2001 wieder hoch kommt: Frau von der Leyen. Eine Person, die Wolfgang Schäuble um Längen in diversen „not my cup of tea“ Auflistungen überholt hat.

Eine Person, die man getrost als „Karrieristin“ bezeichnen kann, in ihrer übelsten Form. Ich frage mich nicht erst seit gestern, was um Himmels Willen hat die CDU Niedersachsen geritten, als sie damals eine ansich völlig unbekannte Politikerin als Ministerin auserkor – in ihrem ersten Jahr als Landtagsabgeordnete. Es war ja nicht so, dass sie schon vorher politisch aktiv und positiv aufgefallen war und man nur darauf gewartet hatte, dass sie endlich den Sprung in den Landtag schaffte, damit man sie zu höheren Weihen führen könne.

Und schwupps ein paar Monde später saß Frau vdL in Berlin in einem bequemen Ministersessel. Mutti Merkel war entzückt von der blonden Dame aus Niedersachsen, die aus einem niedersächsischen Politiker“adel“ entstammte. Kaum einer kannte jene Dame aber das sollte sich schnell ändern. Denn man kann Frau vdL viel vorwerfen, aber wie man sich positiv in den Medien insziniert, das beherrscht neben Frau vdL vielleicht noch Gerhard Schröder. In Niedersachsen scheint die Politikerausbildung eine andere Ausrichtung zu haben. Fachliche Kompetenz und eine Verbreiterung des politischen und fachspezifischen wie fachübergreifenden Wissens scheint eher rudimentär behandelt zu werden. Oder Frau vdL hatte in diesen Fächern immer eine hohe Anzahl von Fehlstunden.

Die Versetzung schien aber nie gefährdet und wohin es führen kann, wenn man scheinbar „irgendwas“ hat, was nur wenige sehen, sieht man an ihr. Die oberen Unionspolitiker scheinen ja einen Narren an ihr gefressen zu haben, zumindest ihr größter Fan – das Merkel – verpasst keine Folge der Leienfestspiele. Große Inszenierungen und wenig handfestes. Aber das kommt meist erst später bei der breiten Masse an und da ist die positive Meldung bereits alt und verinnerlicht. Wenn man so in der Fußgängerzone nach der eigenen Meinung über Frau vdL fragt, hört man sehr oft positive bis positivste Meinungsäußerungen. Sehr häufig hört man, dass sie so ein freundliches Wesen habe. Ja das Lachen vergeht meist nur ihren „politischen und gesellschaftlichen Gegnern“.

So wie mir und vielen anderen Personen, als sie hörten, dass ausgerechnet Frau vdL die große Favoritin der Kanzlerin sei, das Amt des Bundespräsidenten auszufüllen. In den Leitmedien aus meinem inneren Deutschland – sie erinnern sich – war der Ton und die Meinung zu diesem Thema schnell gefunden: Welches Land liefert nicht aus? Wohin kann man noch auswandern und zahlt RTL II auch gut für die Dokumentation darüber: „Politische Flüchtlinge und ihre alltäglichen Sorgen – Auswandern 2.0 featuring RTL II und n24 sowie zdf History mit Guido Knopp“. Viele Gedanken gingen einem durch den Kopf. Und immer wieder die Frage: „Wie soll man das alles seinen Kindern einmal erklären? Riesige Schulden, ok. Aber so eine Bundespräsidentin? < Das geht mal echt gar nicht – Vadder! > wird man da zurecht zu hören bekommen!“.

Dieser Kelch scheint ja nun an uns vorbei zu fliegen und trifft mit Christian Wulff einen potentiellen Konkurrenten von das Merkel mitten ins politische Gesicht. Der letzte der großen CDU Männer wird damit aufs politische Altenteil „befördert“. Ein intelligenter Schachzug von das Merkel. Alle sind beruhigt und befriedet – nur nicht vdL – und ein Mann weniger im Machtzirkel der Kanzlerin, der einmal gefährlich werden könnte.

Natürlich hätte man diesen Gedanken auch bei Frau vdL haben können, aber sie gilt ja eher als Muttis Anhängsel als eigenständige Bundespolitikerin. Ärger oder gar eigene Machtansprüche scheinen von Frau vdL in nächster Zeit erstmal nicht zu erwarten zu sein. Da fällt eher ein Christian Wulff ins Visier einer nicht unmöglich scheinenden vorgezogenen Bundestagswahl und als interner Konkurrent, wenn es darum geht, mit einer starken Position in die Neuauflage einer Großen Koalition zu gehen.

Und was kann man einem so machtanspruchsvollen Politiker wie einem Christian Wulff besseres anbieten, als den höchsten Posten im Lande. Wer kann da nein sagen. Außer man hat wirklich gute und nachvollziehbare Gründe. Das eigene Alter und die angeschlagene Gesundheit vielleicht oder ein Bundesland – wenn man denn Ministerpräsident ist – was man nicht allein lassen kann und will, da es gerade eine ganz schlimme Zeit durchmacht. All das passt nicht auf Christian Wulff. Also käme ein Verzicht auf den höchsten Posten im Lande einem politischen Selbstmord gleich. Oder man sagt klipp und klar “Nö, ich will ja der nächste Kanzler werden!”, aber dann dürfte es sich auch haben mit einer bundespolitischen Karriere, zu groß scheint noch die interne Macht der Kanzlerin zu sein. Mit ihr sollte man es sich noch nicht verscherzen. Und warum auch aus der Deckung bewegen. Macht uns Merkel ja auch nicht.

Und das Merkel reibt sich wieder einmal die Hände (in Unschuld) und freut sich in den heimischen Wänden. Wieder einer weniger, der einmal gefährlich werden könnte.

Und wer weiß, vielleicht sieht unsere Bundeskanzlerin in Frau vdL ihre legitime Nachfolgerin, die es zu beschützen und noch nicht zu verpulvern gilt. So wie weiland es Kohl mit „seinem Mädchen“ gehandhabt hat. Auch da mussten einige altgediente Unionspolitiker schlucken, als ihnen das Mädchen vom Lande vor die Nase gesetzt wurde.

Geschichte wiederholt sich nun mal manchmal. Auch ohne die Zuhilfenahme von Guido Knopp.

Das die Deutsche Bloggerszene am Rücktritt Köhlers oder dem Verzicht auf Frau vdL einen großen Anteil hat, wie es manche Medien propagandieren, glaube ich nicht. Es wird eher so sein, dass die Meinungsmache in den entsprechenden Leitmedien (meines inneren Deutschlands) schon im Visier der entsprechenden politischen Entscheidungsvorbereiter stehen, aber der kommunikative Weg dürfte eher eine Einbahnstraße sein. Wenn die Themen meinungsgerecht verwendet werden können, verweist man auf jene Blogs und spannt sie vor einer Themenwelle. Und wenn nicht, dann eben nicht.

Allerdings – so die Hoffnung in der Überschrift – wenn die Aktion 2.0 „not my president“ an der Entscheidung pro Wulff irgendwie beteiligt war, dann möchte ich hiermit eine neue Aktion ins „Leben“ rufen.

NOT MY KANZLERIN! Vielleicht hilfts ja (auch)!

Und wenn es nur in meinem inneren Deutschland Auswirkungen hat, ist das auch ok.

Euer Tobias

Das Bild im Auszug wurde vom flickr User medienfrech unter einer entsprechenden CC Lizenz veröffentlicht und unter den dort genannten Voraussetzungen zur weiteren Verwendung freigegeben.

Tobias Unter: Zeit(en)geschehen // // Tags: , , , , , // 0 Kommentare



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