08 07

Nach Zeiten der Lust regiert der Frust!

Auf dieser unserer Welt existieren ja enorm viele Mythen und eine ganze Nation im Norden unseres europäischen Kontinents lebt sogar sprichwörtlich davon. Aber nicht nur über Nationen erzählt man sich am modernen Lagerfeuer die ein oder andere Geschichte, nein, auch ein ganz bestimmter Berufszweig ist Ziel diverser Mythen. Oder sollte man sagen „Opfer“? Meinen es die Skeptiker und Kritiker dieser Berufsgattung nur nicht allzu gut mit den Angehörigen derselben? Und das aus reiner Erfüllung Ihrer selbst? Oder sind es berechtigte Weisen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden?

Man kann ja sagen was man will, aber allzu gut kommen unsere Damen und Herren Politiker nicht weg, wenn es darum ginge, im Kindergarten nach den Traumberufen von Morgen zu forschen. Wenn es danach gehen würde, könnte man die parlamentarische Arbeit einstellen und wir wären ein Volk voller Raumfahrer und Lokomotivführer. Wahlweise auch noch Krankenschwester oder Tierärztin.

Als eine der langlebigsten Mythen, die sich bisher von Generation zu Generation über Jahrzehnte erhalten hat, ist dieses scheinbar zwingende Zusammenspiel zwischen Lust und Frust. Persönliche Lust auf der einen Seite und gesellschaftlicher Frust auf der anderen Seite. Und man munkelt – nicht nur hinter vorgehaltener Hand – das hinter diesem Zusammenspiel eine Art gewolltes System steckt. Plant die Weltbevölkerung eine große Party, planen die Politiker große Einschnitte. Getreu dem Motto: Man erinnert sich rückblickend eh immer nur an das Gute.

Und wenn man sich so die letzten Wochen anschaut, kann man zum Ergebnis kommen, dass dem so ist.

Deutschland befindet sich – oder befand sich – seit einigen Wochen und Monaten im bewusstseinseinschränkendem kollektiven Rausch der Gefühle. Da gewinnt ein unbekanntes freches Gör aus Hannover den europäischen Titel der Gesangeskünstler, der Sommer wird von Minute zu Minute so, wie ihn Rudi Carrell einst besang und eine fußballspielende Mannschaft erobert mit seiner frischen Spielweise erst die Welt und dann auch noch die eigene Nation vor dem Fernseher und den Public Viewing Leinwänden. Nach einer „dem Amt nicht zuträglichen Art und Weise“ des parteipolitischen Umgangs bei der Wahl zum Bundespräsidenten ist nun wieder Ruhe eingekehrt und unser aller Grußonkel Christian Wulff grüßt freundlich lächelnd nebst Gattin von den Boulevardblättchen und zeitvertreibenden Beilagen in den Warteräumen der Arztpraxen dieses Landes. Und ein Volk labt sich nun ausgiebig an den Geschichten und Geschichtchen rund um jene neue „erste Familie“ dieser unserer Republik, als hätte es keine Umfragen gegeben, die das genaue Gegenteil zum Ergebnis hatten. Das Volk ist beseelt und liegt strahlend in der ebensolchen Sonne.

Ein ganzes Volk? Nein, eine kleine Horde von grimmigen Menschen in schlecht sitzenden Anzügen trifft sich in regelmäßigen aber selten öffentlichen Sitzungen und beratschlagt darüber, wie man die gute Stimmung im Lande zum eigenen Vorteil nutzen könnte.

Und scheinbar herrschen in solchen Gremien immer zwei Grundausrichtungen vor.

Die eine will die grundsätzlich positive Stimmung im Lande bezogen auf ein Event oder eine Person für die eigene Persönlichkeits- und Imagepflege nutzen. Schöne Bilder sind immer gut. Man denke hierbei einfach mal an den damaligen Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen – der, der jetzt selber auf den bunten Blättern lächelt – und an die aufgeregt geführten Interviews im Vorfeld der Landung von „her singing highness“ in Hannover. Natürlich konnte sich ein regierender Politiker nicht die Chance ergehen lassen, höchst selbst und dann auch noch persönlich Lena vom Flughafen abzuholen und ihren Sieg in den „seinen“ – bildtechnisch – umzuwandeln. Oder auch „uns Merkel“: reist nach einer eigentlichen Wahlschlappe und offenen Beleidigung der Integrität der Kanzlerin bei der Wahl zum Bundespräsidenten nach Südafrika, um den dort kickenden Staatsbürgern in kurzen Hosen zunächst die Glückwünsche der Deutschen Nation zu überbringen sowie sich später im allgemeinen Jubel staatstragend in die Kabine zu stellen und nochmals für die Imageaufbesserung des Deutschen in Allerwelt zu bedanken. Und es wirkt: Jogis Jungs berichten nur wohlwollend und zutiefst beseelt vom Besuch der Kanzlerin. Und so wird es in die Presse hinaus posaunt und jene Meute nimmt dieses Pressifressi gerne auf. Und schwupps reiten die unansehnlichsten roten Schulterpolster dieser Welt auf der Erfolgswelle der Fußballer mit – ohne auch nur einen Grashalm in den südafrikanischen Stadien um getreten zu haben.

Schöne Bilder und jubelnde Massen und ein wenn auch noch so geringer Bezug auf die eigene Person – das ist das Ambrosia der politischen Unterschicht.

Die andere Grundausrichtung ist perfiderer Natur. Das Volk ist benebelt und mit niederen Instinkten beschäftigt, da ist die gesellschaftliche Schelte wenn überhaupt nur von kurzer Dauer. Also kann man all die bösen und hinterhältigen Ideen ob der Benebelung der eigenen Lobby und Spendenspender in die Wege leiten. Der Pöbel muckt kurz auf und beschäftigt sich dann doch mit „Wichtigerem“ wie dem Sommer, der WM oder der vollkommen unnützen weil nachträglichen Diskussion über den Volksentscheid in Bayern und den Folgen für die Republik.

Und was machen unsere Staatslenker: Gesundheitsreform mit einer klaren Ausrichtung im Bezug auf die eigentlichen und zukünftigen Träger der Lasten, ein Sparpaket über das sich viele Menschen ein Urteil ersparen, ein Haushaltsentwurf mit einer riesigen Neuverschuldung der als erster Weg in die Entschuldung bezeichnet wird! Wer hier nicht kotzt, ist ein ganz Großer!

Man fragt sich schon, wenn dann die erste Aufregung erst einmal erloschen ist, ob man sich an den Supersommer 2010 in der Gestalt erinnert, dass es wieder einmal einer Regierung nicht gelungen ist bzw. keinen Mut dazu hatte, die eingerosteten und vielbegangenen Wege zu verlassen, um wirklich mal Reformen anzugehen. Im Sinne und zur Freude der gesamten Gesellschaft und nicht nur für die „Großkopferten“.

Oder erinnert man sich an den Supersommer 2010 in der Gestalt, dass wir erst Europa gezeigt haben, wie jung und frisch deutsche Mädchen sein (=singen) können, wenn man sie lässt, wie sie sind, und dann sogar noch der ganzen Welt zeigen konnten, dass unsere kickenden Herren dem nichts nachstehen und für frischen Wind im Fußballgeschäft sorgen konnten.

Gegenfrage: Was war im Sommer 2006 in Deutschland?

„Ein Fußballmärchen?“ fragen hier vielleicht viele Bürger zurückhaltend .. denn vielleicht erinnert sich dann doch noch jemand an die andere Sache, die da im Supersommer 2006 über uns hereingebrochen ist. Irgendwas war da doch noch! Oder? Kann dann ja nicht so bahnbrechend und schlimm gewesen sein.

Nur was war es? Ja – wenn man das noch wüsste

Euer Tobias

Das im Auszug und als erstes Bild im Artikel gezeigte Foto stammt von Alexander Klaus und wurde auf pixelio.de unter einer entsprechenden Lizenz veröffentlicht. Das zweite Foto stammt von Rainer Sturm und wurde ebenfalls auf pixelio.de unter einer entsprechenden Lizenz veröffentlicht.

Tobias Unter: Gedanken 2.0 // // Tags: , , , // 0 Kommentare



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