← Wann man mit bloggen aufhören sollte…
Nach Zeiten der Lust regiert der Frust! →
13 07
Alle reden vom Wetter. Wir nicht!
Folgen Sie mir doch mal bitte kurz in das Jahr 1989. Wir befinden uns kurz vor dem Mauerfall und der Deutschen Wiedervereinigung. Von jenen freudigen Tagen rund um dieses weltgeschichtlich bedeutende Ereignis war noch nicht zu viel zu spüren, damals im Keller meines elterlichen Hauses. Es war Januar 1989 und ich verbrachte mit meinem Vater Stunde um Stunde im Keller, um an unserer Eisenbahn zu basteln. Denn zum Weihnachtsfeste 1988 gab es die ersten Teile einer später riesigen Eisenbahnanlage, die einmal einen großen Teil (ca. 20 qm) des Kellers einnehmen sollte.
Man baute Häuser um Häuserzeile, hämmerte unzählige kleine Nägel in die Holzplatte und formte aus Bauschaum riesige Minigebirge. Überall wurden kleine Eisenbahnlandschaftsbewohner aus ihren Verpackungen befreit und in ihre Freiheit entlassen. Und so standen kleine Menschen mit weißen Taschentüchern am Bahnsteig, während die Feuerwehr einen kleinen Brand am Volksfest in der nahegelegenen Stadt löschte und kleine Kinder auf einem Bergbauernhof mit den Hunden spielten. Auf der Parkbank am keinen Dorfteich saßen Rentner und fütterten die Enten und Autos warteten am geschlossenen Bahnübergang auf den kommenden Regionalexpress. Die Kühe muhten auf der Weide und die Bauern holten die Ernte ein. Idylle pur!
Diese Idylle stand stellvertretend für eine ganze Generation und ihren Blick auf die Deutsche Bahn. Dieser Blick war geprägt von Romantik und Fernweh und dem technischen Aufbruch nach den Trümmerjahren der Nachkriegszeit. Die Deutsche Bahn stand für einen Wert, nach dem die Deutschen wohl am allermeisten strebten : Beständigkeit und Verlässlichkeit.
Nun begeben wir uns noch ein wenig tiefer in die Deutsche Vergangenheit. Wir haben das Jahr 1966 und Deutschland diskutierte immer noch über das Tor von Wembley. Genau zu jener Zeit ersann die Deutsche Bahn einen Werbeslogan, der provokativ und einprägsam zugleich war: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht!“.
Damit wollte die Deutsche Bahn auf die Beständigkeit und der Verlässlichkeit ihres Produktes verweisen und für die eigene verkehrstechnische Beförderungsüberlegenheit werben. Während LKWs und Autos im Schnee stecken blieben, fuhren die Züge der Deutschen Bahn streng den Zugfahrplan einhaltend durch weiße Landschaften und nichts konnte ihren Lauf stoppen. Wenn man es ganz pathetisch ausdrücken mag: Mit jener Werbeaktion startete die Deutsche Bahn ihren Siegeszug in Sachen Fahrgastbeförderung in Deutschland und erwarb sich auch im Ausland den Ruf, die Fahrpläne auf die Minute einzuhalten.
Die Deutsche Bahn war damals ein Staatsunternehmen und kam ihrer Aufgabe der sicheren und zuverlässigen Beförderung der Menschen von A nach B einwandfrei nach. Die ruckeligen und teilweise noch rauchenden Loks taten zusammen mit den am Abteilfenster vorbeifliegenden blühenden Landschaften und den sympathischen Schaffnern ihr übriges dazu, das romantisierte Bild der Deutschen Bahn in die Miniaturlandschaften von Groß und Klein, in T über H0 bis Nenngröße II und vor allem in die Träume und Gedankenwelt der abertausenden Bahnfans zu befördern und zu manifestieren.
Nun schreiben wir das Jahr 2010, die Deutsche Bahn ist ein großes Wirtschaftsunternehmen, die Loks schnaufen und rauchen wenn überhaupt nur noch auf musealen Strecken, die Schaffner sind genervt und schmeißen kleine Kinder aus dem Zug, die Technik spielt im Winter wie im Sommer eine tragende Rolle – derer sie nicht immer gerecht wird – und abertausende Bahnfahrer stehen sich an den Bahnsteigen die Füße platt: Aufgrund technischer Probleme verzögert sich die Ankunft des Zuges um unbestimmte Zeit.
Der Bahnvorstand träumt von Börsenmillionen und Einsparpotentialen und der Fahrgast von pünktlichen Zügen, von bezahlbaren Tickets, von klimatisierten Abteilen, von Türen, die erst dann aufgehen, wenn sie es sollen, von Achsen die halten und von Zugpersonal, welches ihrer verantwortlichen Tätigkeit gerecht wird.
Das Unternehmen Deutsche Bahn will die Weltbeförderungsherrschaft übernehmen und der Fahrgast lächelt schon lange nicht mehr, wenn es mal wieder zu kleineren und größeren Verzögerungen kommt, von „unvorhersehbaren technischen Einschränkungen“ mal ganz zu schweigen: Wer sagt eigentlich, dass man auf einer fünfstündigen Bahnfahrt auch mal auf die Toiletten gehen können muss? Niemand! Und wenn doch, wer schreibt dann vor, dass man jenes Örtchen bitte so verlassen solle, wie man es vorzufinden hofft? Keiner!
Die Deutsche Bahn hat viel von ihrem romantischen Nimbus verloren. Unter der „Last“ des Wirtschaftsunternehmens und der Profitausrichtung des eigenen wirtschaftlichen Handelns und das seiner Entscheider ist nicht mehr viel übrig geblieben vom einstigen Vorzeigestaatsapparat. Wen man auch fragt, die Deutsche Bahn hat nicht mal nur ein Imageproblem, die Deutsche Bahn hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Da helfen auch keine Werbeplakate oder Fernsehspots. Nur wenn es der Bahnführung gelingt, glaubwürdig mit den technischen Problemen umzugehen, diese nicht als „reine Ausnahmefälle“ zu deklarieren und sich wieder mehr dem eigentlichen – nun nicht mehr staatlichen – Auftrag zu widmen, nur dann wird auch in Zukunft der Bahnsteig voll mit Leuten sein, die ihre Taschentücher in den Wind halten und hoffen, dass ihre Lieben dort gut ankommen mögen, wohin sie ihr Zug bringt. Und das ohne Zugverspätung.
Sollte jedoch weiterhin dem Dogma der uneingeschränkten Ausrichtung des Unternehmens auf die finanziellen Werte und Einsparpotentiale nachgehangen werden, dann werden wahrscheinlich nur noch in den verstaubten Kellern dieser Republik bevölkerte Bahnsteige zu bewundern sein.
Und jene Figuren auf den Bahnsteigen winken mit ihren Taschentüchern dann nicht mehr ihren Lieben hinterher, sondern senden der Deutschen Bahn nur noch den letzten wehmütigen Gruß. Denn an jenen Bahngleisen fuhr schon lange kein Zug mehr ab. Geschweige denn ein.
Auf den Abstellgleisen, in den Sackbahnhöfen, kurz vor abgesperrten Bahnübergängen, auf Brücken und in dunklen Tunneln stehen sie dann herum, die kleinen Modelleisenbahnen und rosten vor sich hin. Genauso wie ihre große Brüder und Schwestern in der Größe 1:1.
Euer Tobias
Das im Artikel genutzte Bild stammt vom Wikipedia User Mattes und wurde von ihm dort zur uneingeschränkten Nutzung freigegeben.
Eine Antwort to “Alle reden vom Wetter. Wir nicht!”
-
Martin sagt:
14. Juli 2010 um 09:00Das sind wirklich die letzten Volltrottel. Die Werbung passt aber einfach wie die Faust aufs Auge.
